Wo Windstrom produziert werden soll, formiert sich Widerstand. Auch im Toggenburg und in der Region Wil wehren sich Gruppen und Vereine gegen Windräder vor der Haustür. Jetzt kommen ihre Argumente auf den Prüfstand.

Darum geht es
- Im Toggenburg und in der Region Wil wehren sich mehrere Vereine gegen geplante Windkraftanlagen.
- Fachleute ordnen zentrale Einwände ein: Infraschall, Lärm, Vogelschutz, Kosten, Rückbau und Mitsprache.
- Sie verweisen auf das Windpotenzial der Ostschweiz – und auf den Nutzen von Windstrom im Winter.
In der Schweiz schreitet die Elektrifizierung voran. Dennoch bleibt der Stromverbrauch dank Effizienzgewinnen seit Jahren stabil .
Windkraft deckt erst 0,3 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs – das entspricht dem Verbrauch von mehr als 150’000 Menschen. Ihr Vorteil: Rund zwei Drittel der Jahresproduktion fallen im Winter an, wenn Photovoltaik und Speicherseen schwächeln .
Der Widerstand entzündet sich an konkreten Projekten: Sechs Anlagen sind in Laad und im Gebiet Eggli in der Gemeinde Wattwil geplant, sechs weitere oberhalb von Krinau, fünf im Gebiet Alvensberg/Hamberg in Kirchberg. In Boxloo bei Wil ist ein Windpark mit drei Turbinen vorgesehen. Dagegen engagieren sich lokale Gruppen und Vereine.
Eine Studie der Universität St.Gallen zeigt: Windkraftgegner sind oft emotional stärker aktiviert als Befürworter – und erhalten dadurch überproportional Aufmerksamkeit. Eine schweigende Mehrheit steht hinter dem Ausbau der Windenergie. Drei Fachleute ordnen die wichtigsten Einwände der Windkraftgegner ein.
1.«Windenergie spielt in der Schweiz keine Rolle»
Ende Juni sagte Hansueli Hofer, Präsident von «Pro Lebensraum Eggli-Laad»: «Die Schweiz ist kein Windland.» Sarah Barber, Leiterin des Fachbereichs Windenergie-Innovationen an der OST, hält diese Aussage für zu pauschal.
Studien beziffern das Schweizer Windenergiepotenzial auf fast 30 Terawattstunden pro Jahr. Das könnte fast die Hälfte des Schweizer Stromverbrauchs decken. Realistisch umsetzbar seien 10 bis 15 Terawattstunden pro Jahr, schreibt Barber. Das entspräche 22 bis 33 Prozent des heutigen Strombedarfs.
«Im Toggenburg gibt es interessante Gebiete für Windenergie», schreibt Barber. Laad, Krinau und Hamberg/Alvensberg könnten zusammen 60 Gigawattstunden pro Jahr liefern – genug Strom für bis zu 10’000 Menschen.
2.«Infraschall gefährdet die Gesundheit»
Dafür gibt es keine Belege. Der Toggenburger Windkraftgegner Hansueli Hofer hatte vor möglichen Folgen von Infraschall für die Gesundheit der Anwohnenden gewarnt.
Doch liegt der Infraschall von Windenergieanlagen deutlich unter den von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Grenzwerten . Studien verweisen zudem auf einen «Nocebo-Effekt» : Wer starke negative Erwartungen hat, meldet eher Beschwerden. Sarah Barber schreibt: «Nicht die Windenergieanlagen selbst, sondern die Angst vor ihnen erwies sich als entscheidend.»
Trotzdem stimmt: Die Rotorblätter erzeugen Lärm, der dem Rauschen eines Hubschraubers ähnelt. In der Regel gilt der Mindestabstand von 300 Metern zu einem Wohnhaus. Barber schreibt: «Bei dieser Entfernung beträgt der Schalldruckpegel 43 Dezibel. Zum Vergleich: Viele Kühlschränke liegen bei 40 Dezibel, Klimaanlagen teils darüber.
In einer Studie wurden 500 Anwohnende befragt, die nahe einem von sieben Schweizer Windkraftstandorten leben. Weniger als ein Drittel nahm Geräusche wahr – fast ausschliesslich Menschen mit Sicht auf die Anlagen. Sichtbarkeit scheint das Gefühl von Belästigung zu verstärken.
Eine Metastudie kam bereits 2012 zum Schluss: Windradlärm verursacht keinen Hörverlust und zeigt keine direkten körperlichen Gesundheitseffekte.
3.«Windräder töten Vögel und Fledermäuse»
Der Standort entscheidet.
Windkraftgegner Hansueli Hofer hatte die nächtlichen Warnlichter auf den Masten kritisiert. Diese könnten Vögel, Fledermäuse und Insekten gefährden.
Wildtierbiologe Roland Graf von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erklärt: Vögel und Fledermäuse können mit Windrädern kollidieren oder ihren Lebensraum verlieren. Im Toggenburg müsse man besonders auf Auerhühner, Birkhühner, Steinadler, Wanderfalken, Uhus und Waldschnepfen achten.
Mit einer guten Standortwahl und Schutzmassnahmen «lassen sich die Auswirkungen auf die Fauna stark reduzieren». Anlagen können in heiklen Zeiten zeitweise abgeschaltet werden. Auch die Beleuchtung spielt eine Rolle. Dauerlicht kann Vögel anziehen, direkte Beleuchtung Fledermäuse. Blinklichter, radarbasierte Luftfahrterkennung und warmes, abgeschirmtes Licht ohne UV-Anteil können Risiken senken – auch für Insekten.
Auch Böden und Grundwasser werden geprüft. Laut St.Galler Bau- und Umweltdepartement kann ein Windpark nur bewilligt werden, wenn alle umweltrechtlichen Vorgaben eingehalten sind – auch beim Grundwasser und beim Bodenschutz.
4.«Die Bevölkerung wird übergangen»
Pauschal stimmt das nicht. Über die Energiepolitik hat die Schweizer Stimmbevölkerung mehrfach abgestimmt – jeweils mit hohen Zustimmungsraten, schreibt Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St.Gallen.
2024 sagten 68,7 Prozent Ja zum Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien. Auch der St.Galler Kantonsrat stellte die Weichen: Im Februar 2024 entschied er mit 78 zu 32 Stimmen, Windkraftanlagen über kantonale statt kommunale Sondernutzungspläne zu regeln. Der Bund genehmigte den angepassten Richtplan im Januar 2026.
Gemeinden sind damit nicht machtlos, aber ihre Rolle ist begrenzt: Sie können Stellung nehmen, über Mitwirkung Einfluss nehmen und Einsprachen begleiten. Ein kommunales Referendum gegen einen kantonalen Sondernutzungsplan ist im St.Galler Recht aber nicht vorgesehen.
So konnte sich der Kirchberger Gemeinderat 2025 zum geplanten Windenergie-Projekt äussern. Wüstenhagen verweist auf Wattwil: Dort lehnte die Stimmbevölkerung 2024 die 700-Meter-Abstandsinitiative mit 60,8 Prozent Nein-Stimmen klar ab. Er sagt: «Das unterstreicht den Rückhalt in der lokalen Bevölkerung, Windenergie zu entwickeln.»
5.«Gewinne fliessen an Energieunternehmen»
Energiemanagement-Experte Wüstenhagen schreibt: «Wohin die Gewinne fliessen, hängt wie bei jeder Investition davon ab, wer investiert.»
Die Windenergie Schweiz AG habe sich auf Bürgerwindparks spezialisiert . Auf dieses Modell setzt das Unternehmen etwa beim Projekt in Kirchberg. Dafür kann eine lokale Windpark-AG gegründet werden, an der sich lokale Akteure beteiligen. Rendite und Steuereinnahmen blieben dann anteilig vor Ort.
Für Wattwil verweist Rolf Wüstenhagen auf die Thurwerke AG: «Die politische Gemeinde besitzt die Thurwerke AG, sodass auch hier ein namhafter Anteil der Wertschöpfung vor Ort bleibt.»
6.«Rückbau und Recycling sprengen die Kosten»
Ist Windkraft ein teurer «Irrweg in Grün», wie Michael Strässle von «Älpli Gegenwind» sagt? Dazu gibt es laut Windenergie-Expertin Barber Zahlen aus Deutschland : Dort belaufen sich Rückbaukosten auf ein bis zwei Prozent der langfristigen Gesamtkosten pro erzeugter Kilowattstunde. Betreiber sind zum Rückbau verpflichtet .
Zudem liessen sich 90 Prozent einer Windkraftanlage recyceln. Neue Verfahren könnten bald ermöglichen, seltene Erden aus Magneten und Kohlefasern aus Rotorblättern zurückzugewinnen.
7.«Kernkraftwerke könnten Windräder ersetzen»
AKW können viel Strom liefern – nur leider nicht rechtzeitig, nicht günstig und nicht ohne neue Probleme zu schaffen.
Hansueli Hofer von «Pro Lebensraum Eggli-Laad» warb Ende Juni für moderne Kernkraftwerke als Alternative zur Windenergie. Sie könnten auf kleiner Fläche grosse Strommengen produzieren. In diesem Punkt stimmt OST-Forscherin Barber zu: «Kernkraftwerke haben eine sehr hohe Leistungsdichte.» Auch die CO₂-Emissionen seien gering und vergleichbar mit Windenergie.
Doch jetzt kommt eine neue Studie der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts zum Schluss: Neue Kernkraftwerke rechnen sich für die Schweiz nicht. Barber ergänzt: «Neue Reaktoren brauchen oft 15 bis 20 Jahre, von Planung bis Netzanschluss, was sie ungeeignet macht, die ‹Winterlücke› kurzfristig zu schliessen.» Hingegen kann ein Windpark – gemessen, geplant und bewilligt – in wenigen Jahren realisiert werden. Zudem produziert Windenergie überwiegend im Winter und kann Lücken füllen.
Die ETH-Studie rechnet mit hohen Bau- und Betriebskosten sowie hohem Subventionsbedarf. Erfahrungen mit neuen Reaktoren in Europa und den USA zeigen zudem explodierende Kosten und jahrelange Verzögerungen. Hinzu kommen altbekannte Streitpunkte der Kernenergie: Schutz vor Extremereignissen und die langfristige Entsorgung radioaktiver Abfälle.
Laut Studie bleiben deshalb zwei Dinge zentral: Stromhandel mit den Nachbarländern und der Ausbau erneuerbarer Energien. Neben der Wasserkraft als «Rückgrat der Versorgung» nennen die Forschenden vor allem Solarenergie und Windkraft als Bausteine der Zukunft.
