{"id":1536,"date":"2026-03-10T14:44:29","date_gmt":"2026-03-10T13:44:29","guid":{"rendered":"https:\/\/mark-schoder.de\/?p=1536"},"modified":"2026-04-11T11:53:33","modified_gmt":"2026-04-11T09:53:33","slug":"sie-nahmen-ihm-das-land-doch-nicht-die-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mark-schoder.de\/en\/sie-nahmen-ihm-das-land-doch-nicht-die-erinnerung\/","title":{"rendered":"Sie nahmen ihm das Land, doch nicht die Erinnerung \u2013 wie ein Exil-Nomade von seiner Heimat tr\u00e4umt"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"945\" height=\"630\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1544\" style=\"width:771px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image.png 945w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-300x200.png 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-768x512.png 768w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-18x12.png 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-272x182.png 272w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-720x480.png 720w\" sizes=\"(max-width: 945px) 100vw, 945px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Maulud Kaihel, seine Frau und seine Nichte beten in der W\u00fcstend\u00e4mmerung.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Seit 50 Jahren lebt Maulud Kaihel im Exil in der Hamada-W\u00fcste, dem Garten des Teufels. Als Jugendlicher entrissen ihm Krieg und Besatzung seine Heimat. Trotzdem h\u00e4lt er die Freiheit der Nomad:innen und die Sehnsucht nach dem Wind seiner Kindheit lebendig. Ein Portr\u00e4t \u00fcber einen Mann und seinen Schmerz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>How come, my brother, you don\u2019t remember this, the sweet life full of living?<\/strong> <em>(\u00abTishuash\u00bb, Badi)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als die Dunkelheit \u00fcber der Hamada-W\u00fcste hereinbricht, schiebt Maulud Kaihel die Glut auseinander und legt Brotteig unter den heissen Sand. \u00abSo wie fr\u00fcher\u00bb, sagt er. Fr\u00fcher \u2013 das war, bevor eine fremde Armee ihm die Heimat nahm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDeine Fragen ber\u00fchren den weichen Kern meiner Seele\u00bb, sagt er. Maulud Kaihel l\u00e4chelt. Seine Nichte Najla \u00fcbersetzt an diesem Wintertag zwischen Hassaniya-Arabisch und Englisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in der Hamada-W\u00fcste in S\u00fcdwestalgerien scheucht Kaihels Sch\u00e4ferhund 25 Ziegen zu einem Kn\u00e4uel zusammen. Am Feuer brennen die Wangen, die Flammenzungen schl\u00e4ngeln in den Nachthimmel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"403\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1537\" style=\"width:652px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image.jpeg 605w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-300x200.jpeg 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-18x12.jpeg 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-272x182.jpeg 272w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">In der Weite der W\u00fcste stehen die Zelte von Kaihel, die er nach einiger Zeit wieder abbaut und an anderer Stelle wieder aufbaut.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher, da zog Kaihel mit seiner Familie und Tausenden anderen Sahrauis durch die Sahara, irgendwo zwischen Mauretanien, Algerien und Marokko. Mit ihren zehn Kamelen und den hundertf\u00fcnfzig Ziegen folgte seine Familie den Wolken. Bis zum 14. Lebensjahr genoss Kaihel eine Freiheit, die nur die D\u00fcrre eintr\u00fcben konnte. Doch dann brach Unheil in sein Leben ein. Heute sagt er: \u00abDie Wunden in unseren Herzen werden nie heilen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em><strong>50 Jahre Vertreibung: Die Westsahara gilt als letzte Kolonie Afrikas<\/strong><br> <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2026-02\/westsahara-konflikt-marokko-polisario-front-saharaui-faq\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">1975\u00a0<\/a>\u00a0marschierte Marokkos Armee in die Westsahara ein. Die Kolonialgeschichte des Landes beginnt jedoch fr\u00fcher. 1884 teilten die europ\u00e4ischen M\u00e4chte den afrikanischen Kontinent unter sich auf. Spanien erhielt einen W\u00fcstenstreifen gegen\u00fcber den Kanarischen Inseln \u2013 die Westsahara. 1973 begann die nationale Befreiungsbewegung der Sahrauis, die Polisario-Front, milit\u00e4rische Infrastruktur zu sabotieren. Ihr Ziel: Die Kolonialmacht aus ihrem Land zu dr\u00e4ngen.<br>Bald darauf hatte Spanien angek\u00fcndigt, ein Referendum abzuhalten, bei dem die Bewohner der Westsahara \u00fcber ihren zuk\u00fcnftigen Status entscheiden sollten. Marokkos K\u00f6nig Hassan II. nutzte die Schw\u00e4che Spaniens und begann am 7. November 1975 mit dem \u00ab<a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2545\/fuenfzig-jahre-gruener-marsch\/wir-werden-auf-kein-einziges-sandkorn-verzichten\/!3TCQPCJTKDYT\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gr\u00fcnen Marsch\u00a0<\/a>\u00bb auf die Westsahara. Seine Armee trieb die H\u00e4lfte der sahrauischen Bev\u00f6lkerung in die Hamada-W\u00fcste. Hunderte starben auf der Flucht.<br>Beim Madrider Abkommen Ende November 1975 \u00fcberf\u00fchrte Spanien seine Kolonie de facto in eine marokkanische und mauretanische Verwaltungshoheit. Am 26. Februar 1976 endete die spanische Kolonialherrschaft offiziell \u2013 sie w\u00e4hrte 91 Jahre lang. Am darauffolgenden Tag wurde ein unabh\u00e4ngiger Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara gegr\u00fcndet. K\u00fcrzlich gab der UNO-Sicherheitsrat bekannt, einen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/westsahara-konflikt-un-resolution-marokko-li.3333249\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Autonomieplan Marokkos\u00a0<\/a>\u00a0zu unterst\u00fctzen. Das angek\u00fcndigte Referendum r\u00fcckt damit in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2433\/westsahara\/ein-lehrstueck-ueber-recht-und-macht\/!DS2P2VF0PSXJ\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">weite Ferne\u00a0<\/a>. Bislang ist unklar, welche Schritte der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2025-10\/westsahara-marokko-un-sicherheitsrat-resolution-autonomie\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Autonomieplan\u00a0<\/a>\u00a0vorsieht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Nur wenn der Regen ausblieb, drohte Kummer<\/h1>\n\n\n\n<p>Einige Jahre vor den Bomben h\u00fctete Kaihel zwischen den D\u00fcnen die Ziegen, Hitze br\u00fctete und er hatte die Orientierung verloren. Ein unverkennbarer Geruch stieg ihm in die Nase: Kilometerweit entfernt kochte eine Person getrocknete Bl\u00fcten des Afzu-Baums ein. Zuvor hatte sie die Samen im <a href=\"https:\/\/mark-schoder.de\/en\/das-tote-meer-stirbt-und-nu\/\">Wasser<\/a> abgesenkt. Sahrauis keschern die Bl\u00fcten ab und zerreiben sie zu einem Pulver. Zusammen mit \u00d6l ergibt das einen Mix, Samita, der durch Geschmack und Geruch bet\u00f6rt. Der Duft f\u00fchrte Kaihel zur\u00fcck zu seinen Zelten: \u00abDiesen Geruch mitten in der W\u00fcste werde ich nie vergessen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"403\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-3.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1541\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-3.jpeg 605w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-3-300x200.jpeg 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-3-18x12.jpeg 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-3-272x182.jpeg 272w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kaihel bereitet die Glut f\u00fcr das W\u00fcstenbrot vor.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jeden Morgen weckte ihn sein Vater auf, um gemeinsam zu beten. Die einzige Pflicht, die Kaihel vom Spielen in der W\u00fcste abhielt, waren die t\u00e4glichen Koranstunden. Damals stand seine Heimat unter spanischer Kolonialherrschaft. Kaihels Familie mied daher die St\u00e4dte und suchte die Weite der W\u00fcste.<\/p>\n\n\n\n<p>Meist war es der Familienvater, der Kamel und Ziege am besten verstand. Er entschied, wann der n\u00e4chste Aufbruch bevorsteht. \u00abWir folgten den Bed\u00fcrfnissen der Tiere\u00bb, sagt Kaihel. Wenn alles Gr\u00fcn abgefressen war, packten sie den Ziegenhaarsattel auf die Kamele und verstauten ihre Habseligkeiten in daf\u00fcr vorgesehene S\u00e4ckchen. Die st\u00e4rksten Tiere schulterten hundert Kilogramm Mehl.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaihels Lieblingskamel trug den Namen Hamami. Es hatte braunweisse Beine und besass einen gutm\u00fctigen Charakter. Die Sahrauis geben ihren Tieren Namen, trainieren ihre Kamele und wissen genau, wer von ihnen verspielt und wer missmutig durch den Sand stapft.<\/p>\n\n\n\n<p>Kamele wiederum merken sich Wege zum Wasser. Ihr Geruch versetzt Sahrauis in die verlorene Heimat. Kaihel jedoch liebte seine Ziegen: Sie boten ihm Milch, die er zusammen mit Datteln, Brot und Kamelfleisch verschlang. Ihr Fell w\u00e4rmte ihn und sch\u00fctzte sein Zelt. Ihre Gesellschaft vertrieb die Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"403\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-4.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1542\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-4.jpeg 605w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-4-300x200.jpeg 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-4-18x12.jpeg 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-4-272x182.jpeg 272w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Sohn der \u00dcbersetzerin, Kaihels Grossneffe, spielt mit einem seiner Zicklein.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nur selten drangen Schreckensnachrichten der Kolonialbesatzung bis zu Kaihel, den nur die D\u00fcrren bek\u00fcmmerten. Sommerhitze zwang die St\u00e4mme, sich zu zerstreuen und ihre Zelte nahe der Wasserquellen aufzuschlagen. Wenn der Regen die W\u00fcste ergr\u00fcnen liess, r\u00fcckten Familien zusammen, liessen ihre Herden grasen, bildeten Nachbarschaften. Am Feuer vor den Zelten teilten die Sahrauis Essen und Geschichten: \u00abDas war die gl\u00fccklichste Zeit im Jahr.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00e4mme folgten den Wolken, trotzten St\u00fcrmen und lasen die Zeit am Sonnenstand ab. Jahre z\u00e4hlten sie nicht, sondern gaben ihnen Namen: \u00abDas Jahr der Sturzflut\u00bb, \u00abdas Jahr im Krieg gegen die Franzosen\u00bb, \u00abdas Jahr der Mondfinsternis\u00bb, \u00abdas regenlose Jahr\u00bb. 1958 war das \u00abJahr der B\u00e4lle\u00bb &#8211; dabei waren Bomben gemeint, die franz\u00f6sische Flugzeuge auf Sahraui-St\u00e4mme warfen, die diese Waffenart noch nicht kannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaihel trinkt einen Schluck fermentierter Ziegenmilch. Mittlerweile hat sich eine Sternenkuppel \u00fcber die K\u00f6pfe gelegt. Die Dezemberk\u00fchle kriecht in die Kleider. Mit dem fertiggebackenen Sandbrot und einer rauchenden Teekanne in den H\u00e4nden schlappt Kaihel wieder ins Zelt. Dort \u00fcbersetzt Nichte Najla eine Frage zu Krieg und Flucht. Ihr Onkel antwortet: \u00abDanke. Mir bedeutet es viel, von diesem Unrecht zu erz\u00e4hlen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Ein Krieg z\u00fcndet die W\u00fcste an<\/h1>\n\n\n\n<p>Als Kaihel 15 Jahre alt war, fielen die Bomben. Zun\u00e4chst entbrannte der Krieg 1973 zwischen der spanischen Kolonialmacht und den Sahrauis. 1975 zogen sich die spanischen Truppen in die St\u00e4dte Dakhla, El Ayoun und Smara zur\u00fcck und liessen der Gewalt aus dem Norden und S\u00fcden freien Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaihel sagt: \u00abAls Spanien entschied, unser Land zu verlassen, ahnten wir bereits: Die Marokkaner werden kommen.\u00bb Entsprechende Ger\u00fcchte von Sahrauis, die auf s\u00fcdmarokkanischen M\u00e4rkten arbeiteten, verbreiteten sich in der W\u00fcste wie ein Lauffeuer. Kaihels Familie lebte nahe der marokkanischen Grenze \u2013 und damit auf gepackten Kamelen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"403\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-5.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1543\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-5.jpeg 605w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-5-300x200.jpeg 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-5-18x12.jpeg 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-5-272x182.jpeg 272w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mittags in der W\u00fcste: Kaihel weicht der Hitze aus, indem er ruht und schl\u00e4ft.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eines Tags h\u00f6rte Kaihel Sch\u00fcsse und sah, wie eine nahegelegene Stadt brannte. Nachts brach Kaihels Familie auf gen S\u00fcden und erreichte das Flussbett des Sagias. Von dort zogen sie weiter gen Smara. In der Stadt konnten sie nicht bleiben, denn jede Rast barg Gefahr. Sie machten Halt in der Region von Mhairiz, wo sich bereits erste Fl\u00fcchtlingslager bildeten. Von Mhairiz zogen sie nach Tifaniti. Dort holte sie der Krieg ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaihel h\u00f6rte die Propeller des marokkanischen Flugzeugs schon von weitem. Seine Familie \u00fcberlebte, weil sie sich zuvor dagegen entschied, im Zentrum der Zeltstadt zu \u00fcbernachten. Kaihel berichtet von Dutzenden Sahrauis, die in dieser Nacht starben. Bei einer erneuten Attacke, holten K\u00e4mpfer der sahrauischen Befreiungsbewegung Polisario den Flieger vom Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaihel ist \u00fcberzeugt, dass die marokkanische Armee damals nicht vertreiben, sondern das Land gewaltsam besetzen wollte. Ein sahrauisches Sprichwort besagt: \u00abSie lieben das Land nicht wegen unserer schwarzen Augen.\u00bb Mittlerweile wissen die Sahrauis: Marokko wollte den Boden, genauer, das Phosphat \u2013 ein D\u00fcngemittel, nach dem die Welt lechzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sagt Kaihel, er werde in Marokko niemals Verb\u00fcndete sehen k\u00f6nnen. Daf\u00fcr sitze der Schmerz zu tief. \u00abIch musste sehen, wie sie Dutzende Kamele in einer Reihe aufstellten, erschossen und ihre Besitzer entf\u00fchrten.\u00bb Diese Brutalit\u00e4t habe ihn nicht \u00fcberrascht, weil er zuvor den Marschbefehl des marokkanischen K\u00f6nigs vernahm. Der hatte sich an die eigenen Truppen gewandt und gerufen: \u00abWollen die Sahrauis uns aufhalten, werden wir sie verspeisen!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Im algerischen Lager leben sie unter der Sandglocke<\/h1>\n\n\n\n<p>Zwei Monate dauerte die Flucht von Kaihel. Er hatte Gl\u00fcck, denn seine Familie und die Tiere \u00fcberlebten. V\u00f6llig ersch\u00f6pft trieben sie Kamele und Ziegen \u00fcber die algerische Grenze und kamen in den Lagern von Tindouf an. \u00abWir waren so erleichtert: Endlich waren wir dem Krieg entkommen\u00bb, sagt er. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"403\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1540\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-1.jpeg 605w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-1-300x200.jpeg 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-1-18x12.jpeg 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-1-272x182.jpeg 272w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle verschwimmt Kaihels Erinnerung, wie genau sie die ersten Jahre als Fl\u00fcchtlinge \u00fcberlebten. Seine Nichte, die in den Lagern aufwuchs, weiss: \u00abDieser Ort war und ist nicht f\u00fcr uns gedacht. Hier leben Skorpione, keine Menschen.\u00bb Die Notlage zwang die Nomad:innen, sesshaft in einem Lager auszuharren, was f\u00fcr viele Sahrauis einer Folter gleichkam.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 50 Jahre h\u00e4ngt eine Sand- und Benzinglocke \u00fcber ihnen. Die Menschen husten, wenn die alten Landrover durch den Tiefsand fahren und Staub aufwirbeln. Sturzfluten im Winter und Extremhitze im Sommer bedrohen die Lebensgrundlage der 173&#8217;000 Sahrauis in den Lagern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"605\" height=\"403\" src=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-2.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1538\" srcset=\"https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-2.jpeg 605w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-2-300x200.jpeg 300w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-2-18x12.jpeg 18w, https:\/\/mark-schoder.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/image-2-272x182.jpeg 272w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kaihels Lagerfeuer beleuchtet den W\u00fcstensand.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kaihel f\u00fcrchtete, in den Lagern zu ersticken. Er musste seinen Vater pflegen, verlor den Appetit und versank in Schmutzluft und Lautst\u00e4rke. \u00abZwei Jahre schlief ich keine Nacht durch, das Lagerleben schw\u00e4chte mich\u00bb, sagt er. Dann brach er aus und fuhr f\u00fcr ein paar Tage in ein von den Polisario-K\u00e4mpfern befreites Gebiet der Westsahara. \u00abIch sp\u00fcrte das nahe Meer, schlief ein paar Stunden am St\u00fcck, ass Fleisch und Brot. Meine Begleiter rieben sich die Augen, als sie meine Verwandlung sahen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Kaihel hofft, zu seinen Lebzeiten noch einmal den Sand seiner Heimat unter den F\u00fcssen zu sp\u00fcren. Manche Sahrauis nennen den Wind, der dort weht, die \u00abLuft der Freiheit\u00bb. Kaihel sagt: \u00abIch w\u00fcrde mich niederknien und rufen: Gott ist gross.\u00bb Draussen knistert das Feuer. Er schaut in die Dunkelheit. \u00abDer Wind weht in der Westsahara anders\u00bb, sagt er. Und f\u00fcr einen Moment scheint es, als sp\u00fcre er die Brise im Gesicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 50 Jahren lebt Maulud Kaihel im Exil in der Hamada-W\u00fcste, dem Garten des Teufels. Als Jugendlicher entrissen ihm Krieg und Besatzung seine Heimat. Trotzdem h\u00e4lt er die Freiheit der Nomad:innen und die Sehnsucht nach dem Wind seiner Kindheit lebendig. Ein Portr\u00e4t \u00fcber einen Mann und seinen Schmerz. How come, my brother, you don\u2019t remember this, the sweet life full of living? 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