«Anwälte der Wildtiere» jubeln: Hightech stoppt das Sterben zwischen Grabs und Gams


Gute Nachrichten: Technologien können helfen, Tiere zu schützen und Korridore für Rotwild zu schaffen. So etwa die erste Wildwarnanlage des Kantons St.Gallen, die zwischen Grabs und Gams steht. Sie sichert Wildwechsel – und verblüfft mit ihrer Erfolgsquote.

340 Mal. So oft löste die modernste St.Galler Wildwarnanlage seit ihrem Bau im Oktober aus. 340 Mal hat sie Autofahrende vor Wildtieren gewarnt. Die Folge: In hundert Tagen starb kein einziges Tier. In einem Jahr waren sonst auf diesem Strassenabschnitt bis zu 15 Tiere verendet.

Am Wildradar sitzen Sensoren, die die Wärme von Wildtieren erfassen und ein Signal auslösen, das Tempo zu reduzieren. Die Anlage überwacht das Vorland der Strasse und mahnt Autofahrende zu bremsen, falls Wild naht.

Und das passiert oft: Die Anlage steht an einem der wichtigsten Wildkorridore im Kanton im Grabser Riet. Er ist einer von 300 Korridoren von nationaler Bedeutung. Wenn es dämmert, passieren die Tiere die stark befahrene Kantonsstrasse, weil sie im Tal Futter suchen. Bislang führte das häufig zu Wildunfällen.

Die Wildwarnanlage arbeitet halbjährlich

Der Wildradar ist nur im Winterhalbjahr eingeschaltet. Dann queren mehr als hundert Rehe und Hirsche die Kantonsstrasse. Im Schutz der Dunkelheit äsen sie im Riet, erklärt Kantonswildhüter Josef Koller und ergänzt: «Vom Frühjahr bis in den Spätherbst hält sich das Rotwild weiter oben in Richtung Berg auf, wo es ausreichend hochwertige Nahrung findet.»

Zudem erkennt der Radar Wärmequellen im kalten Umfeld zuverlässiger. Im Winter fehlen die «Übeltäter», die sonst Fehlalarme auslösen: In der Kälte weiden keine Kühe am Strassenrand.

Die Technik hat ihren Preis

Die Wildwarnanlage ist im Kanton bislang einzigartig. Aber sie kostet: Das Strasseninspektorat Buchs zahlt 100’000 Franken. Immerhin litten andere Umweltschutzprojekte nicht unter dem Preis, sagt Koller, da für das Amt für Natur, Jagd und Fischerei keine Kosten anfallen.

Zudem erfordert die Maschine nur wenig Wartung. Sie versorgt sich selbst mit Strom. Auf den vier Sensormasten und den LED-Tafeln kleben Solarpanele. Stromspeicher erlauben dem Radar, selbst bei mehrtägigem Nebel vor Wildwechsel zu warnen.

Das «Tier des Jahres» bleibt unter dem Radar

Die Warnanlage erkennt Lebewesen 20 Meter abseits der Strasse, die mindestens 20 Zentimeter hoch gewachsen sind. Eine LED-Tafel zeigt dann eine Temporeduktion von 80 auf 50 km/h an.

Koller räumt ein: «Bei einem Fuchs oder einer Katze löst die Anlage nicht aus. Alles was grösser ist jedoch schon.» Meist streifen Füchse oder Katzen einzeln durch den Wald. Rehe und Hirsche hingegen treten in «Sprüngen», also Gruppen auf. Manchmal queren 50 Stück eine Strasse. Auch das Schweizer «Tier des Jahres», der Igel, gerät also weiterhin unter die Räder.

«Gefährlich wird es für den Verkehrsteilnehmenden dann, wenn das erste Tier die Strasse gequert hat und weitere folgen», sagt Koller. Genau das könne die neue Warnanlage meist verhindern.

Wildtieranlagen «entschärfen die Auswirkungen» von Menschen

Rehe und Hirsche nutzen stets die gleichen Wege und geben dies an ihre Kälber weiter. Koller sagt: «Diese Bewegungen sind fest im Verhalten des Rotwilds verankert.» Grundsätzlich geht es dem Rotwild in Schweizer Wäldern gut. In St.Gallen erobern Rehe und Hirsche immer mehr Gebiete. Dort gibt es immer mehr Totholz. Und die Zahl der Baumriesen hat sich in den letzten Jahrzehnten landesweit verdoppelt.

Die Warnanlage kann und soll aber das Grundproblem nicht verdecken: Menschliche Infrastruktur schneidet Breschen in die Landschaft, die Wildtiere auf ihrer Nahrungssuche oder im Winterschlaf stören können. Die Schweiz gibt hier kein gutes Bild ab, räumt Koller ein: «Leider ist es Realität, dass von den über 300 Wildtierkorridoren von überregionaler Bedeutung in der Schweiz nur gerade 86 als intakt eingestuft werden.»

Bei den übrigen Korridoren sieht es nicht besser aus. Strassen und Gebäude behindern und unterbrechen den Wildwechsel. Wildhüter Koller sieht sich als «Anwalt der Wildtiere» und sagt: «Umso wichtiger ist es, solche Korridore aufzuwerten, damit sie für Wildtiere wieder gut begehbar werden und sie ihre natürlichen Wanderungen vollziehen können.»

Die Frage, ob der Mensch nicht grundsätzlich anders planen und bauen müsste, statt vor Wildunfällen zu warnen, bleibt offen. Koller sagt: «Als die Staatsstrasse gebaut wurde, gab es deutlich weniger Autoverkehr als heute.» Die Wildwarnanlage ersetze keinen verbundenen Lebensraum.

«Zerschnittene Lebensräume lassen sich nicht immer rückgängig machen», sagt Koller. Wo ein Strassenbau unumgänglich sei, versuchten Wildhüterinnen und Wildhüter, die «Auswirkungen zu entschärfen». Eine moderne Wildtieranlage wie die bei Grubs kann die Gefahr auf Schweizer Strassen eindämmen.


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