Vor 25 Jahren zählten Ornithologen über 115’000 Reiherenten im Bodensee. Heute überwintert nur noch ein Drittel. Die Enten sind nicht gestorben – sie kommen einfach nicht mehr. Was wie ein Detail wirkt, stellt den Naturschutz am Bodensee infrage.

Im vergangenen September landeten exotische Gäste im Bodensee: Flamingos staksten durch das Flachwasser am Rheindelta. Die Jungvögel erkundeten die Ostschweiz auf der Suche nach Nahrung und Brutgebieten. Doch dem Flamingo seien die Winter zu unbeständig, um sich anzusiedeln, und es fehle an Nahrung, sagt Ornithologe Hans-Günther Bauer.
Der Wissenschaftler schaut ungern durch das rosa Fernglas. Ihm geht es weniger um fotogene «Aushängeschilder», als um Stammgäste wie die Reiherente. Der einst zahlenstärkste Wasservogel profitierte vom Nährstoffreichtum und den Wandermuscheln der 1970er- und 1980er-Jahre – und bleibt dem See seit rund 25 Jahren immer häufiger fern.
Weil die «üblichen Verdächtigen» den Bodensee zunehmend meiden, befürchtet Bauer einen Bruch im Naturschutz und warnt vor der Problemursache: Dem Menschen, der das Klima anheizt, die Bodenseeufer bebaut und Insekten auf seinen Feldern tötet.
Die Heisszeit schreibt die Landkarte der Vögel neu
Bis zur Jahrtausendwende notierten Vogelschützende 115’000 Reiherenten im Bodensee. Heute zählen sie maximal 40’000. Der Schwund verunsicherte Vogelbeobachtende. Sie erkannten: «Die Vögel brechen ihre Traditionen und brauchen den Bodensee nicht mehr», sagt Bauer. Die Enten starben also nicht, sondern änderten ihr Zugverhalten – und das dramatisch.
Wie alle Wandervögel versucht die Reiherente, Zugwege zu verkürzen. So speichert sie Energie und entkommt dem Zugstress einer Strecke, auf der sie verhungern, mit einem Gebäude kollidieren oder abgeschossen werden könnten.

Die Reiherente hebt kaum noch ab. Lieber überwintert sie 2000 Kilometer nördlich vom Bodensee in der Ostsee bis hoch zum finnischen Meerbusen, der immer seltener zufriert. In den 1970er- und 1980er-Jahren brütete die Entenart noch zu Hunderten im Bodensee. Heute gibt es noch zwei bis drei Brutpaare. Bauer konstatiert: «Als Brutvogel gibt es die Reiherente am Bodensee fast gar nicht mehr.»
In Finnland besetzt die Reiherente die besten Plätze – vor den Langstreckenfliegern südlich der Sahara. Ihre innere Uhr schweigt, obwohl es im Norden immer früher schmilzt und blüht. Erreichen sie den Norden, sind viele Käfer und Beeren bereits gefressen.
Am Bodensee droht ein stummer Frühling
Ornithologen sprechen deswegen von «Ganzjahreslebensräumen». Egal, ob in Süditalien oder in Finnland, «da muss es überall stimmen», sagt Bauer. Die Reiherente zeigt: Im Klimawandel schrumpft die Welt. «Wir müssen herausfinden, was wir an anderen Orten für die Vögel machen können, auch wenn sie nicht mehr zu uns an den Bodensee kommen.»
Dort gibt es unter den häufigsten zehn Schwimmvogelarten neben der Reiherente drei weitere, deren Zahl stark zurückgeht. Ihr Fernbleiben zeige laut Bauer: «Die Landschaft hier ist ziemlich kaputt.» Die Reiherente ist nur noch der vierthäufigste Wasservogel im Bodensee. Ihr Umfeld wird rauer, karger und verarmt ökologisch.
Auf den Äckern der industrialisierten Landwirtschaft finden Vögel kaum noch Futter oder Unterschlupf. Insektizide töten alles, was krabbelt. Bauer sagt: «Wir haben massiv weniger Nahrung übrig und verlieren deswegen häufige Vogelarten.» Auch die Reiherente trifft dieser Mangel: Wasserinsekten und Muscheln werden seltener. Die Zahl einer anderen Zugvogelart, der Rauchschwalbe, stürzte gar um 60 Prozent ab, weil für sie die Chancen sinken, am Bodensee zu überleben.
Vier Millionen Menschen leben am Bodensee – ein «riesiger Ballungsraum, dem es an störungsfreien Zonen fehlt», sagt Bauer. Schutzgebiete schrumpfen zu Reservaten, umgeben von dichten Siedlungen.
Noch immer gilt der Bodensee als natürliches Gewässer – «ist er aber nicht». Denn an nahezu jedem Zufluss werde Strom erzeugt und Wasser gestaut, so viel, dass es montags einen anderen Wasserstand gebe als samstags. «Der Einfluss der Elektroingenieure ist enorm – und er wirkt sich auf Fische und Wirbellose aus.» So fällt es Fischen schwer, Eier in Flussläufen zu legen.
Zudem schiessen Menschen in Südeuropa immer wieder Vögel und die Vogelgrippe grassiert. Diese Faktoren erschweren es Vogelarten zusätzlich, mehr als eine Brut pro Jahr erfolgreich durchzubringen. Dabei bräuchte es zwei, um ihren Bestand zu sichern.
Schutzgebiete am Bodensee stehen unter Druck
Parallel zu Brutschwierigkeiten und Nonstop-Flügen der Stammgäste wächst der Kummer von Bauer. Denn um den Schutzstatus etwa für das Ermatinger Becken zu bewahren, müssen dort mindestens 20’000 Vögel verweilen. Wenn nun aber die Reiherente und andere Arten in Skandinavien bleiben, könnten die Schutzgebiete ihre rechtliche Grundlage verlieren – «ein Riesenproblem», sagt er.
Schutzgebiete können auch dann gerechtfertigt sein, wenn dort mindestens ein Prozent der gesamten Zugpopulation einer Art überwintert – selbst wenn sich ihre traditionellen Aufenthaltsorte verlagern. Bauer sagt: «Das ist möglich, wenn wir die Gebiete weiter schützen.»
Doch bereits heute erlaubt Österreich, in Schutzgebieten Kormorane zu schiessen, was zu Kollateralschäden führen könnte. Gleiches soll in der Luxburger Bucht geschehen. «Was früher undenkbar war, fängt heute wieder an: Unliebsame Arten sogar in Schutzzonen loszuwerden», moniert Bauer. Er ist sich sicher: Schutzgebiete wie das Ermatinger Becken neu zu schaffen, wäre in der Gegenwart undenkbar.
Eine Kehrtwende zu einem Naturschutz 2.0 kostet Geld, Zeit und Mut, mahnt Bauer. Zehn Prozent der Kulturlandschaft am Bodensee müssten brachliegen und unter Schutz gestellt werden. Er fordert mehr Renaturierungsversuche, wie derzeit am Alpenrhein. Im Kleinen umzäunt er Brachvögelgelege oder legt Eier auf Miniaturflösse, um sie vor Nesträubern zu schützen. Für die Brutplätze von Reiherenten und anderen Wasservögeln wünscht er sich Ruhe vor menschlichen Störungen.
Die neue Normalität macht blind für die Verluste
Laien dürften beim Anblick des Ermatinger Beckens oder der Luxburger Bucht wenig alarmiert sein: Sie hören es schnattern und sehen Hunderte Enten auf dem See treiben. «Aber wenn heute jemand durch die Wiesen am Bodensee geht, hört er keine Feldlerche mehr. Er vermisst sie auch nicht, weil er sie nie gehört hat», sagt Bauer. Auch Braunkehlchen oder Wacholderdrosseln verschwinden. Saatkrähen, Elstern und Rotmilane ersetzen sie.
Die Artenvielfalt im Schweizer Mittelland bezeichnet Bauer als «katastrophal». Die meisten Vögel seien seit den 1950er-Jahren verschwunden. In der Landschaft habe sich fast nichts verschlechtert – «weil es kaum schlechter ging», sagt er. Beispiel Rheindelta: Bevor die Menschen das Delta entwässerten, sei das Delta eines der lebendigsten Naturschutzgebiete der Region gewesen.
Bauer warnt vor den Folgen, wenn junge Menschen in eine «sterile Landschaft hereinwachsen», in der sie «emotional nicht mehr angefüllt werden». Dabei entzücke es Menschen, wenn sie statt einer Vogelstimme zehn lauschen dürfen. Wenn sie die Umwelt mit allen Sinnen erleben.
Stille Wälder und stumme Seen könnten Argumente sein, sich neu mit der Umwelt zu verbinden. Bauer bewirbt einen positiven Ansatz: Andere Lebewesen zu kennen und benennen zu können, hilft. Nicht umsonst erfahren das eigene Haustier, Knut der Eisbär und Charlie der Affe menschliche Fürsorge. Gelinge das bei Reiherenten nicht, «bleibt die Natur für die meisten Leute viel zu abstrakt».
