Die Sonne brutzelt, Kastanienblätter bräunen, Temperaturrekorde purzeln. Solche Wohlfühlsprache verharmlost, was in der Ostschweiz geschieht.

Unter welkem Blätterdach trocknet ein laues Lüftchen den Schweiss. Menschen rasen mit dem Velo über heissen Asphalt, fächeln sich Luft zu und suchen Schatten. Viele nennen das noch immer «gutes Wetter».
Dabei starben in einem Sommermonat 340 mehr Menschen in der Schweiz als erwartet. In Deutschland sterben in einer Juniwoche 9’600 Menschen an Hitze. In einer Studie im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Gesundheit berichteten neun von zehn Mitarbeitenden von hitzebedingten Beschwerden bei der Arbeit. Und 60 Prozent der Befragten gaben an, in ihren Spitälern fehle wirksamer Klimaschutz.
Doch Hitze tötet nicht nur: Hohe Temperaturen verstärken das Leid von Menschen in Kliniken und Pflegeheimen, verschärfen Demenzsymptome und machen gesunde Menschen gereizter. In Wil und im Toggenburg rüsten sich Feuerwehren gegen Waldbrände. Die Überlebenschancen von Bachforellen in der Thur sinken, Kühe leiden im Toggenburg und zwingt sie vorzeitig von der Alp zurück ins Tal .
Trotzdem «purzeln» in Zeitungen die «Temperaturrekorde». Sonnenbäder bräunen die Haut «gesund» . Die Erde erwärmt sich, als geschähe das von selbst. Menschen mögen Wärme, finden Bräune schön. Rekorde auch: höher, schneller, weiter – heisser?
Diese Klimasprache verzwergt das Problem. Sie lullt ein und wiegt Menschen in Sicherheit. Doch auch das Gegenextrem kann lähmen, wenn Text und Sprache vor Ohnmacht kapitulieren. Von einer Hitze- oder Klimakatastrophe zu schreiben, käme der Realität näher, weckte aber den Verdacht des Alarmismus. Der Vorwurf verbrennt Journalistinnen und Journalisten, wenn es die Sommerhitze nicht schon tut.
Zwischen Verharmlosung und Weltuntergang braucht es eine ehrliche Sprache, die weder beschönigt noch lähmt. Sie muss Verantwortliche und Blockierer benennen, aber auch Handlungsmöglichkeiten zeigen: Innenstädte und Dorfkerne begrünen, Firmenflotten elektrifizieren, Ältere zum Wassertrinken ermuntern, grüne Banden bilden. Gleichzeitig muss diese Sprache Wege zur Anpassung weisen: Räume kühlen, Siesta halten, leicht und pflanzlich essen.
Eine solche Sprache schätzt Sommerregen wert, folgt dem Leben auf Wiesen, in Wäldern und im Wasser – und kann Denken und Handeln verändern.
