Die Thur führt kaum Wasser, Fische geraten unter Druck. Trotzdem fordert Biologe Christian Hossli, dem Fluss mehr Raum zu geben. Er erklärt, warum eine wilde Thur besser mit Hitze und Hochwasser klarkommt – und warum der Lachs als Gradmesser taugt.

Christian Hossli steht vor der gesperrten Mühlaubrücke. Der Gewässerschützer blickt durch die Zaunmaschen und stellt fest: kein Durchkommen zur Thur. Sie rauscht durch das Kraftwerk Mühlau, das den Strom unterbricht. Einen Fischpass gebe es zwar, sagt Hossli: «Aber ich meine, der funktioniert suboptimal.»
Später, ein paar Hundert Meter südlich, stapft Hossli unter der Lütisburger Holzbrücke hinunter ins Flussbett. Hier müht sich ein ausgezehrter Strom gen Hochrhein. Pfützen zeigen, wo jüngst noch Wasser stand. «Ich bin recht schockiert», sagt Hossli. Er sieht die Thur zum ersten Mal nach der aktuellen Hitzephase. «Natürlich schwankt der Wasserstand. Aber so etwas habe ich in den vergangenen Jahren nie beobachtet.»
Mehr Raum ist die beste Antwort auf die Extreme
Ob die Thur vor Leben strotzt oder zum Kanal verkommt, entscheidet sich auch an ihrer Vielfalt: Gibt es tiefe Kolke, Schatten, Totholz und Stellen, an denen sie ungestört fliessen kann? Die Interessensgemeinschaft Lebendige Thur will dem Fluss Raum geben. Er soll ausufern und aushöhlen, Breschen schlagen, wild sein – und diverse Lebewesen beherbergen. Dafür bündelt Biologe Hossli die Kräfte von Pro Natura, WWF, Aqua Viva, Birdlife und den Fischereiverbänden von St.Gallen und dem Thurgau.
Doch wie soll sich die Thur schlängeln und Landschaften formen, wenn sie schier auszutrocknen droht? Hossli relativiert: Vor wenigen Monaten habe es hier «ganz anders ausgesehen». Auch wenn der Pegel sinkt oder einzelne Stellen trockenfallen, bleiben in einem natürlichen Fluss tiefe und beschattete Abschnitte. «Uns ist wichtig, dass Wasserlebewesen diese Stellen erreichen und sich zurückziehen können», sagt Hossli.
Je vielfältiger diese Rückzugsräume sind, desto besser kommt die Thur mit extremen Niedrigwasserphasen zurecht. Flüsse, die mäandern, verlangsamen den Wasserabfluss, sodass mehr davon ins Grundwasser sickern kann.
Die Revitalisierung schütze vor Extremsituationen, sagt Christian Hossli, auch vor Hochwasser. «Tiere suchen Seitengewässer, um nicht mitgeschwemmt zu werden, oder Strukturen, die die Strömung abpuffern.» Lange galt an Schweizer Flüssen die gegenteilige Philosophie: begradigen, verbauen, Dämme erhöhen, zähmen. «Damals wussten sie es nicht besser. Seit 20 Jahren merken wir: Wir kommen nicht nach, Dämme zu sanieren und zu erhöhen», sagt Hossli. Ein weiches Ufer bremst das Fliesstempo, vergrössert das Rückhaltevolumen und bricht die Hochwasserwucht.
Im Vergleich zu anderen Abschnitten sieht Hossli die Thur im Toggenburg in gutem Zustand: «Hier fliesst die Thur relativ natürlich und sie ist gut beschattet.» Wichtig sei, die Seitengewässer wie Glatt und Uze besser anzubinden. Dort, wo sie in die Thur münden, ziehen sich Fische bei Niedrigwasser zurück. Für Hossli ist mehr Raum deshalb eine «win-win-win-win-Situation» für Hochwasserschutz, Artenvielfalt, Trinkwasser und Naherholung. Nur gehe das Umdenken zu langsam.
Hosslis Team kämpft um jeden Meter Land
Zwei Einwände hört Hossli immer wieder: Die Revitalisierung koste Geld und schlucke Land . «Zu kurz gedacht», findet Hossli: «Auch SVP-Wähler und Landwirtinnen hängen von funktionierenden Wassersystemen und Hochwasserschutz ab.» Sie brauchen Trinkwasser und Wasser für ihre Böden und Kulturen.
Den grössten Widerstand erlebt Hossli von landwirtschaftlicher Seite. Viele Betriebe besitzen Flächen im Flussumland – genau dort, wo eine breitere Thur Platz fressen würde. «Unten im Thurgau ist der Fluss viel verbauter», sagt der Gewässerschützer.
Sein Team will zusammen mit den Behörden Lösungen aufzeigen. Ein Mittelweg: Ein Kanton kann Land abtauschen. Hossli sagt: «Ich verstehe, wenn jemand sein Land nicht abgeben will. Aus meiner Sicht führt daran aber kein Weg vorbei: Um Gewässer aufzuwerten, brauchen wir mehr Raum.»
Wattwil könnte zeigen, wohin die Reise geht
Seit zehn Jahren arbeitet Hossli an einem Wattwiler Projekt, das Hochwasserschutz und Revitalisierung verbinden und der Thur wieder mehr Raum geben soll. Wattwils «Schlüsselprojekt» könnte Hosslis Vision einer wilden Thur nahekommen: In 20 Jahren, hofft er, habe man die Konflikte gelöst, den Fluss aufgewertet und entfalten lassen. «Dann gäbe es bei Wattwil all die Strukturen, die ich mir als Gewässerbiologe wünsche – das wäre ein schöner Erfolg.»
Als Vorbild nennt Hossli das unverbaute Delta von Necker und Thur. «Wir sehen dort, wie Gewässer dynamisch wirken können. Man findet dort Pionierstandorte, Inseln und Auenwälder.» Ähnlich brumme es im Thurgauer Schutzgebiet Schäffäuli vor Leben. Diese Orte stechen heraus, sind doch über 90 Prozent aller Schweizer Flussauen zerstört.
Der Lachs als Gradmesser
Mit dem WWF arbeitet Hossli daran, den Lachs wieder in Rhein und Thur zurückzubringen und ein nationales «Lachs-Comeback» zu feiern. Der Lachs habe «enorm hohe Ansprüche», sagt Hossli. Er braucht verschiedenste Lebensräume, muss zwischen Süss- und Salzwasser wandern können und laicht nur auf Kiessubstrat in kühlem, sauerstoffreichem Wasser. Für Hossli ist der Lachs die «ideale Flaggschiff-Art» für den Unterlauf der Thur, den er bis vor einhundert Jahren bewohnte.
Doch bremst der Gewässerschützer: Der Lachs-Perimeter des Bundes reicht nur bis Bischofszell. «Ich muss deshalb davon ausgehen, dass in der Toggenburger Thur noch nie natürlicherweise Lachse geschwommen sind.» Vermutlich koste ihm die Distanz zum Meer zu viel Energie. Bis Bischofszell wäre seine Rückkehr dennoch ein Erfolg. Kehrt die ikonische Fischart in die Thur zurück, wäre das für Hossli ein Beleg: «Wo der Lachs lebt, lebt der Fluss.»
