Vor 50 Jahren drang die Kolonialmacht Marokko in die Westsahara ein. Tausende Sahrauis flohen in die lebensfeindliche Hamada-Wüste, wo sie seitdem in Flüchtlingslagern ausharren. Dort legen immer mehr Familien Gärten an: Oasen des Widerstands, aus denen sie Hoffnung schöpfen. Diese Reportage folgt vier Menschen, die eigene Wege des Überlebens suchen.
Text und Bilder: Mark Schoder
Porträtbilder: Niklas Thalmann

Als vor Kurzem ihre Oma im Lager starb, begann etwas in Fatima Baschir zu welken. Fatimas Oma zog sie und ihre Schwestern gross. In den Geschichten ihrer Oma lebte die Westsahara auf, wenn sie ihren Enkelinnen von der verlorenen Heimat erzählte: Wie frei sie damals waren, als sie mit ihren ewigen Begleiterinnen, den Ziegen und Kamelen durch die Wüste zogen. Den Atlantik im Rücken folgten sie den Wolken.
Ihre Oma habe stets vor Zuversicht gestrahlt. Auch noch, nachdem die Not einbrach: Als vor 50 Jahren die marokkanische Armee Phosphor und Napalm regnen liess und Zehntausende Sahrauis in die südalgerische Wüste trieb.

In der Hamada-Wüste, die oft als «Garten des Teufels» bezeichnet wird, bauten Sahrauis ihre Zelte auf und formten Lehmhütten. Fünf Lager wuchsen heran, verbunden durch Strassen, die sich im Horizont verlieren. Das Exil auf engem Raum zwang die ehemaligen Nomad:innen zu siedeln – an einem der lebensfeindlichsten Orte der Welt.
In den ersten Lagerjahren baute Fatimas Oma eine Grundschule auf. «Ich habe sie bewundert», sagt Fatima. In ihr will jedoch kein Licht mehr brennen.
Fatima gräbt nach Hoffnung
Aus Fatimas Sicht muss Hoffnung geerdet sein und Wurzeln schlagen. Nur so könne Hoffnung wachsen. Allerdings verweigerten sich viele Sahrauis der Realität, findet Fatima. Sie pflegten einen blinden Optimismus, eine «fucked up hope», wie sie ihn nennt. «Nichts zu tun und trotzdem auf die Rückkehr zu hoffen, bedeutet nur Naivität.» Die letzten 50 Jahre in den Lagern beschreibt sie als Stillstand, den Bruch ihrer Oma von der Nomadin zur Sesshaften als hart.
Fatima sitzt auf einem Tuch am Rand der Sandäcker. Neben ihr giesst ihr Fahrer Grüntee von einem Glas ins andere. Für Fatima ist Hoffnung ein Verb: «Hoffen ist kein Gefühl, sondern heisst, mein Bestes zu geben.» Die Ergebnisse ihres Hoffens spriessen aus dem Boden: Kürbisse gedeihen auf offenem Feld. Hier und in zwei Gewächshäusern verwandelt Ziegenkot den Sand in Nährboden, auf dem Melonen, Paprika und Auberginen wachsen. Ein Wall aus 5000 Bambuspflanzen soll vor dem Wind schützen, der den Boden abträgt. Oliven- wechseln sich mit Feigenbäumen und Weinreben ab.
Zwei Katzen klettern auf einem Berg alter Schläuche. Vögel zwitschern in der Kühle der Quelle und flattern in die Krone des einzigen Baums, an den sich eine Hütte schmiegt. Eine Pumpe aus Algier filtert das Brackwasser und saugt es in aufgestochene Schläuche. An heissen Tagen füllt Fatima ein Betonbecken, in dem Schmutz absinkt. Das Becken wird dann zum Swimmingpool für Nachbarskinder– ein Luxus, der aus der Not geboren ist.
Vor fünf Jahren startete Fatima mit britischer Antriebshilfe das Projekt «Growing Hope». Hitze und Wind vernichteten ihre erste Ernte. Vor kurzem grub Fatimas Team 15 Tonnen Zwiebeln aus. Ein grosser Teil verrottete, weil eine Hitzewelle zur schnellen Ernte zwang, sie aber keinen Lastwagen fanden. Letzten Winter erntete sie Hunderte Kilo Auberginen, Paprikas und Honigmelonen.
Neben den in den Lagern bekannten Gurken, Tomaten und Zwiebeln führt Fatima jedes Jahr neues Gemüse ein. Aktuell bewirbt sie die Rote Bete, mit der die Sahrauis noch fremdeln. In Broschüren erklärt Fatima, was in den roten Bollen steckt. Sie will die Diät der Sahrauis bereichern, die jahrhundertelang nur aus Kamelfleisch, Milch, Datteln und Weizenbrot bestand.

Sie hegt einen Traum: Ihre Felder in ein Zentrum für psychisch kranke Menschen zu verwandeln. Sie weiss, wie gut es tut, zu säen und zu ernten. Insbesondere, weil der Kontrast ins Auge sticht: Unter den Staub- und Benzinglocken der Lager fliegen selten Vögel, kein Baum spendet Schatten, die Menschen husten. Fatima sagt: «Leide ich dort unter vielen Ängsten, ruhe ich hier draussen in mir.» Fatima studierte in Algerien und schläft ausserhalb der Lager: Sie zieht ihre drei Kinder in Tindouf gross.
50 Jahre Vertreibung: Die Westsahara gilt als letzte Kolonie Afrikas
1975 marschierte Marokkos Armee in die Westsahara ein. Die Kolonialgeschichte des Landes beginnt jedoch früher. 1884 teilten die europäischen Mächte den afrikanischen Kontinent unter sich auf. Spanien erhielt einen Wüstenstreifen gegenüber den Kanarischen Inseln – die Westsahara. 1973 begann die nationale Befreiungsbewegung der Sahrauis, die Polisario-Front, militärische Infrastruktur zu sabotieren. Ihr Ziel: Die Kolonialmacht aus ihrem Land zu drängen.
Bald darauf zog Spanien seine Truppen ab und kündigte ein Referendum an, bei dem die Bewohner:innen der Westsahara über ihren zukünftigen Status entscheiden sollten. Marokkos König Hassan II. nutzte die Schwäche Spaniens und begann am 7. November 1975 mit dem «Grünen Marsch» auf die Westsahara. Seine Armee trieb die Hälfte der sahrauischen Bevölkerung in die Hamada-Wüste. Hunderte starben auf der Flucht.
Beim Madrider Abkommen Ende November 1975 überführte Spanien seine Kolonie de facto in eine marokkanische und mauretanische Verwaltungshoheit. Am 26. Februar 1976 endete die spanische Kolonialherrschaft offiziell – sie währte 91 Jahre lang. Am darauffolgenden Tag wurde ein unabhängiger Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara gegründet. Kürzlich gab der UNO-Sicherheitsrat bekannt, einen Autonomieplan Marokkos zu unterstützen. Das angekündigte Referendum rückt damit in weite Ferne. Bislang ist unklar, welche Schritte der Autonomieplan vorsieht.
Najla sät das Wissen
In der Hamada sind die Sahrauis den Wüstenextremen ausgesetzt. 2015 zerstörte eine Sturzflut die Lager. Das Wasser frass sich in die Lehmhäuser, riss sie fort und zerstörte das Lager Dakhla. Bei einem Augenschein zeigt ein Ehepaar auf die Ruinen seines Anwesens. Daneben steht der Umriss eines neuen Hauses, an dem sie seit zehn Jahren bauen. Seit der Pandemie explodieren die Kosten für Beton und Zement. Und sie isolieren schlecht. Die Sommerhitze ängstige sie aber nicht, sagt die Frau. Sie fürchte den nächsten Regen.

Dabei klettern die Temperaturen an einigen Tagen über die 50-Grad-Grenze. Im Sommer steht das öffentliche Leben still. Die Sahrauis ziehen sich zurück in Häuser und Zelte. Für mehrere Monate schliesst jede Schule, jede Behindertenwerkstatt. Dann bestraft die Hamada-Wüste kleinste Fehler: Menschen sterben, weil sie sich in der Wüste verirren oder ihren Kopf nicht bedecken. Offizielle Zahlen zu Hitzetoten fehlen.
«Das sind Sommer, die für Skorpione und Eidechsen gemacht sind. Wir schmelzen und schwimmen in unserem Schweiss», sagt Najla Mohammad-Lamin. Sie will ihre Gemeinschaft vor Klimaextremen schützen und die «schreckliche» Lagerrealität abfedern. Najla gründete eine Kinderbibliothek und versorgt junge Mütter.

In Hintergrundgesprächen mit Vertreter:innen der Vereinten Nationen heisst es: Die Situation für die 176’000 Geflüchteten in den Lagern sei «sehr, sehr schlecht». Die UN-Nahrungspakete gehen an 77 Prozent der Menschen – und sie fallen mager aus: Sie enthalten meist Mehl und Linsen. Ein aktueller Gesundheitsbericht aus den Lagern warnt: Jede vierte Familie kämpft mit Mangelernährung. Vor drei Jahren lag der Wert noch bei drei Prozent. 65 Prozent der Kleinkinder leiden unter Blutarmut. Die Preise auf den Märkten haben sich seit der Pandemie verdreifacht. 40 Prozent der Haushalte müssen mit 19 Litern Wasser pro Tag leben, was für eine ein- bis zweiminütige Dusche reicht. Die humanitäre Lage verschärft sich, weil sich Geberländer wie die USA komplett und Deutschland zur Hälfte zurückgezogen haben. Ganze Sektoren wie Wasser, Sanitär und Hygiene stehen ab 2026 vor dem finanziellen Aus. Was das für die Sahrauis bedeutet, weiss niemand.

Umweltbildungsexpertin Najla arbeitet unermüdlich gegen die Not an. Wenn sie nicht gerade in der Bibliothek vorliest oder ihre eigenen Kinder umsorgt, steigt sie auf Podien in Algier oder reist nach Europa, um sahrauischen Frauen eine Stimme zu geben. Najla wuchs glücklich in den Lagern auf, studierte in den USA. In den globalen Norden wollte sie nie ziehen: «Mein Platz ist unter den Sahrauis. Hier werde ich gebraucht. Wegrennen ist keine Lösung.»

Das, was Sahrauis auszeichnet, versucht Najla auch in Architektur zu giessen: Widerstandsfähig müssen die Gebäude sein. Ihre Bibliothek steht auf Autoreifen, die vor Fluten schützen. Die Räume liegen in lehm-isolierten Frachtcontainern, in die Licht durch eine Land Rover-Scheibe fällt. Ein mehrschichtiges Dach soll vor Stürmen schützen, die manche Häuser «öffnen, wie wenn wir den Deckel vom Joghurtbecher ziehen», sagt Najla. Auch sie unterhält Gärten, die erst der Extremhitze und dann den Mottenschildläusen erlagen. Im folgenden Jahr säte sie erneut: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas wächst. Was ich tue, wird fruchten.» Und tatsächlich: Im Rund ihres Gartens spitzelt das erste Grün hervor. Knoblauch, Tomaten, Petersilie.
Ihr Haus baute Najla in den letzten 15 Jahren dreimal wieder auf. Wie im Katastrophenfilm überlebte Najlas Familie eine Flut 2006 in ihrem Zelt, während links und rechts Sturzbäche tobten. Danach brachte die Cholera den Tod in die Lager.

Was Najla umtreibt, ist weniger die Flutgefahr als das Trinkwasser. In ihrem Haus recycelt sie jeden Tropfen. Giesst sie die Pflanzen vor dem Haus, tröpfelt das Wasser durch den Sand zurück in ein Reservoir. Sie sagt: «Die Angst, nicht genug Wasser zu haben, bestimmt meinen Alltag.»
Mohammed kultiviert Widerstand
Umso wichtiger, dass jeder Tropfen die Pflanze erreicht, findet auch Mohammed Salem. Der junge Gärtner steckt in einem Blaumann und grüsst mit breitem Lächeln. Er führt in eine von gestapelten Autoreifen umrahmte Oase im Lager Smara, die er vor acht Jahren «Nomads Garden» taufte. Hier, neben dem Haus seiner Eltern, mache er «Unmögliches möglich». Enten plätschern in einem Teich und Schweizer Ziegen blöken im Stall.
Wenn Mohammed redet, klemmt er den linken Fuss an den rechten Unterschenkel, wie ein Flamingo. Er weiss: Schön sieht sein Garten nicht aus. Aber das Chaos ergibt Sinn: «Ich will nicht den grünsten Garten in der Wüste hegen, sondern herausfinden, was hier am besten wächst.» Hin und wieder lädt Mohammed auch Najlas Bibliothekskinder ein.

Mohammed zeigt auf einen Brunnen, den er zwei Meter tief in die Erde einliess und der auf 5000 Plastikflaschen fusst. Von hier pumpt er das Brackwasser an, das die Sahrauis früher tranken, bis internationale Hilfe die Haushalte erreichte. Wie es um die fossilen Wasserquellen steht, hält die Befreiungsbewegung der Polisario-Front unter Verschluss.
Im «Nomads Garden» filtern Sand, Kohle und Steine Schadstoffe aus dem Wasser. Bäume spenden dem Gemüse Schatten. Sein Garten ist Labor, Schule und Ort des Widerstands zugleich. Denn langfristig soll hier ein Gartenprototyp für alle entstehen – und damit ein Gegenpol zum Kolonialismus. Die marokkanische Armee vertrieb Mohammeds Vorfahr:innen aus der Westsahara, um Ressourcen wie Phosphat auszubeuten. Mohammed hingegen «will vom Boden leben, ohne Menschen oder die Umwelt zu verletzen.»
Mohammeds Geheimrezept? «Ich scheitere die ganze Zeit.» Die Hitze versengte seine Schildkröten, ein Fuchs frass die Enteneier, eine Ziege sprang über den Zaun und das Gemüse verdarb. «Anfangs haben mich alle ausgelacht.» Die Sahrauis zogen jahrhundertelang durch die Wüste, waren nie sesshaft. Doch Mohammed verliebte sich in das, was er als einen Mix aus Landwirtschaft und Kunst versteht. Und er lernt mit jedem Tag dazu: Er analysiert, wie die Schatten fallen, züchtet hitzefeste Ziegen, spürt Finanzquellen auf – und hört den Ältesten zu.

Immer wieder besucht Mohammed seine älteren Nachbar:innen, die als Nomad:innen lebten und lernt von ihnen. Über seine Begriffe wie «Nachhaltigkeit» oder «Müllmanagement» schmunzeln sie. Nichts anderes hätten sie all die Kindheitsjahre praktiziert, nur eben nie so genannt. Ihr Wissen müsse bewahrt werden, sagt Mohammed.
Taleb begrünt die Wüste
Taleb Brahim erinnert sich an das Leben als Nomade. Mit sechs Jahren floh er aus der Westsahara. Heute schreibt er die Regeln der Wüste neu. Mohammed lernt von Taleb, dem ersten und einzigen Agraringenieur in den Lagern. Taleb studierte in Syrien und legt seit 2002 Hunderte Familiengärten an. Er beweist: Auch im Sand kann etwas wachsen. Er erfand eine Methode, ohne Erde Gras für Kamele und Gemüse anzubauen. Dabei nutzt er Symbiosen zwischen Fischteichen und Kräutern und errichtet «Nahrungskuppeln». Mittlerweile exportiert Taleb seine Ideen in Flüchtlingslager in Mali, im Tschad, in Niger, bewarb sie in Deutschland und der Schweiz.
In den sahrauischen Lagern stehen die Familien Schlange für Talebs Gärten. Als er vor 20 Jahren eine Frau auf dem Markt die ersten eigenen Tomaten verkaufen sah, habe ihn eine Welle des Glücks erfasst. Taleb sagt: «Meine Arbeit hat etwas verändert. Menschen begannen zu hoffen, weil sie spürten: Wir können in dieser harschen Umwelt überleben.»

Talebs Gärten zeigen, was auch noch unter weltweiten Klimaextremen wachsen würde. In seinem Gewächshaus erröten fünf Tonnen Tomaten. Jede einzelne Pflanze bindet Taleb mit einer Schnur an die Decke, nimmt die Stiele zärtlich zwischen die Finger. Nebenan experimentiert er mit Safran und Ananas – Luxusgüter, die die Sahrauis für ihre Nahrung eintauschen können.
Seine Nahrungskuppeln bieten Ausflüchte, dem Lagerstaub zu entkommen. Zerreibt man die frische Minze zwischen den Fingern, öffnet das den eingestaubten Sinneskosmos.
Die «Kinder des Meeres» lernen zu gärtnern
Talebs Gärten reichen nicht aus, die Sahrauis mit Gemüse zu versorgen. Zudem spüren sie Klimaextreme, Pandemie- wie Kriegsfolgen besonders stark. Dennoch birgt ihre Krise das Potenzial, eine andere Geschichte zu erzählen – eine der Möglichkeiten für ein anderes Leben. Etwa darüber, wie wichtig die Gemeinschaft zum Überleben ist, «weil das Leben besser ist, wenn man es teilt», wie Najla sagt. Und darüber, wie essenziell es ist, nach einem Tiefschlag neu aufzubauen und krisenfester anzusäen. Wie wichtig, sich das Wissen der Vorfahr:innen anzueignen und an die Kinder weiterzugeben. Und das Wohl von Kamelen, Bäumen, Samen und Wasser mitzudenken. Najla sagt: «Die Klimakrise hat mein Denken geöffnet und lässt mich Nichtmenschliches in mein Handeln integrieren.»

Im Lager Smara pinselte Künstler Mohamad Suleiman Wellen an die Wand der Bibliothek. Darunter schrieb er: «Kinder des Meeres». Najla sagt: «Die Ältesten erzählen von der Westsahara und wie dort alles anders ist: Der Wind weht kühl und die Luft ist sauber.» Wenn sie zurückkehren könnte, würde sie zuerst zum Meer reisen: «Wie muss es sich anfühlen, das Wasser zu spüren, zu schwimmen und zu fischen?»
