60 Jahre Abfallwirtschaft in Bazenheid – doch der Schweizer Müllberg wächst


Seit 60 Jahren kümmert sich der Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) um den Müll der Region. Seither ist die Entsorgung raffinierter geworden. Doch eine Frage bleibt: Ist der Umgang mit Abfall besser – oder nur die Fähigkeit, wachsende Mengen zu bewältigen?

Der ZAB betreibt eine Abfallwirtschaft, von der 192’000 Menschen profitieren.

Mit einem riesigen Kehrichtsack tourt der Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) durch sein Einzugsgebiet. Zum Auftakt hat er am Montag in die Zentrale an der Zwizachstrasse geladen. Es gibt Espresso aus Plastikbechern und in Kunststoff verpackte Laugenbrötli. Über den Köpfen der Gäste bläht sich auf dem Dach ein blauer ZAB-Sack. Bald wird das «Wahrzeichen» auf den Plätzen der 33 Verbandsgemeinden stehen.

Hinter dem Jubiläum stehen allerdings unbequeme Zahlen. Pro Kopf fallen in der Schweiz jährlich 670 Kilogramm Siedlungsabfall  an, umgerechnet gut 1,8 Kilogramm pro Tag. Insgesamt produziert die Schweiz heute dreimal so viel Siedlungsabfall wie 1970. Als Gründe nennt das Bundesamt für Umwelt (BAFU) das Bevölkerungswachstum, den höheren Konsum sowie kurzlebigere Produkte und Verpackungen.

Politisch soll sich der Fokus inzwischen verschieben. Vor zwei Jahren nahm das Parlament die Initiative «Schweizer Kreislaufwirtschaft stärken» an und definierte damit die Abfallhierarchie neu: Vermeiden kommt vor Wiederverwenden und Recyceln, erst danach folgt das Verbrennen. 2024 wurden 52 Prozent der Schweizer Siedlungsabfälle recycelt,

Damals galt: «Aus den Augen, aus dem Sinn»

Bis Mitte der 1970er Jahre fehlte eine Abfallanlage. Damals sammelte der ZAB den Abfall mit Pferdegespannen. Geschäftsführer Benjamin Braunmiller sagt: «Der Verband hat Löcher gefunden und sie mit unbehandeltem Kehricht gefüllt.» Urs Corradini, Leiter Marketing und Kommunikation, fasst die Mentalität jener Zeit zusammen: «Aus den Augen, aus dem Sinn.»

Urs Corradini erklärt vor der Kamera, was im Zuge der ZAB-Roadshow ansteht.

Einen entscheidenden Wendepunkt sieht Corradini 1989: Der ZAB führte die Sackgebühr ein. Seither zahlt mehr, wer mehr Kehricht verursacht. Das schuf Anreize, Müll zu vermeiden und Wertstoffe zu trennen.

Heute: Noch längst nicht am Ziel

Heute gewinnt der ZAB Metalle und Energie aus dem Kehricht. «Noch immer gibt es viel Potenzial, mehr herauszuholen», sagt Braunmiller. Und das nicht nur in technischer Hinsicht, führt Roman Habrik aus, Verwaltungsratspräsident und Gemeindepräsident von Kirchberg: «Gesellschaftlich gesehen, haben wir noch nicht mal die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt.»

Der technische Fortschritt ist trotzdem enorm. Eine elektrische Flotte bringt Abfälle nach Bazenheid, Metalle werden zurückgewonnen, Rauchgase gereinigt und die Verbrennungswärme als Fernwärme genutzt. Künftig will der ZAB zudem Phosphor aus Klärschlammasche zurückgewinnen. Viele Massnahmen zielen darauf ab, das Deponievolumen zu reduzieren. Habrik sagt: «Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Kehrichtsäcke zu verbrennen, sondern das riesige Potenzial der Kreislaufwirtschaft zu nutzen.»

Verwaltungsratspräsident Roman Habrik lobt das Roadshow-Projekt: «Megacool, was wir damit der Bevölkerung zeigen können.»Bild: Mark Schoder

Und so wachse wohl beides: die Fähigkeit des ZAB, Abfall zu verwerten, und die Menge dessen, was die Gesellschaft wegwirft, sagt Braunmiller. Marketingleiter Corradini formuliert es so: «Abfall ist ein Spiegel der Gesellschaft. Je besser es uns geht, desto mehr Müll produzieren wir.» Tatsächlich steht die Schweiz weltweit auf dem zehnten Rang der Müllproduzenten , geht aber als Recyclingland voran .

Der grösste Abfallberg entsteht auf Baustellen

Der Sack auf dem ZAB-Dach führt allerdings in die Irre, denn der sichtbarste Abfallberg ist längst nicht der grösste: Siedlungsabfälle machen nur sieben Prozent des gesamten Schweizer Abfallaufkommens aus. «Die Menge an Hauskehricht bleibt seit Jahren stabil, obwohl die Bevölkerung wächst», sagt ZAB-Geschäftsführer Braunmiller. Doch das Gesamtvolumen des Materials, das im ZAB ankommt, nimmt laut Braunmiller nicht ab.

Mengenmässig liegt der grösste Hebel anderswo: beim Bauen. Jede Sekunde wird in der Schweiz eine halbe Tonne Bauabfälle  erzeugt. Mehr als vier Fünftel des Schweizer Abfalls hängen mit dem Bauen zusammen. ZAB-Geschäftsführer Braunmiller sagt: «Es gibt immer mehr Neubau nach Rückbau, das spüren wir hier.» Auch in Bazenheid häuften sich Anfragen zu Baumaterialien, die sich kaum in ihre Bestandteile zerlegen lassen.

Marketingchef Urs Corradini führt durch die kleine Ausstellung im Kehrrichtsack.Bild: Mark Schoder

Auch beim Kunststoff zeigt sich, wie weit der Weg zur Kreislaufwirtschaft noch ist. Hierzulande werden nur neun Prozent der Kunststoffe stofflich rezykliert. 14’000 Tonnen Plastik gelangen jährlich in die Schweizer Umwelt, schätzt das BAFU. Wenigstens landen die ZAB-Espressotassen im Kuh-Bag , dessen Inhalt zu 55 Prozent recycelt wird, sagt Corradini.

Der Sack soll möglichst leer bleiben

Und dennoch symbolisiert der blaue Kehrichtsack Fortschritt. Urs Corradini sagt: «Jeder der 192’000 Einwohner in den ZAB-Gemeinden kennt diesen Sack.» Im Innern sollen sie an Stationen erfahren, was mit Abfällen geschieht, welche Stoffe sich wiederverwerten lassen und wie man Müll vermeidet.

Der Erfolg der Roadshow würde sich ausgerechnet daran zeigen, dass künftig weniger im blauen Sack landet. Corradini sagt: «Der Sack sollte die letzte Möglichkeit sein.» Denn was in Bazenheid ankommt, lässt sich grösstenteils nicht mehr stofflich verwerten.

«Mehr trennen, mehr reparieren, länger nutzen – es gibt unzählige Möglichkeiten, etwas mit einem Wertstoff anzufangen, bis er zu uns kommt», sagt Corradini. Der riesige Sack steht damit für zwei Geschichten zugleich: dafür, wie viel besser die Region ihren Abfall heute verwertet – und dafür, wie weit sie noch davon entfernt ist, weniger davon zu produzieren.


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