Die zwei Gesichter der Toggenburger Sonne: Warum «gesunde Sonnenbräune» ein Mythos ist


Sie wärmt, spendet Leben, viele beten sie förmlich an: die Sonne. Doch birgt sie Gefahren, denn ihre ultravioletten Strahlen schaden der Haut. Die Präventionsverantwortliche der Krebsliga Ostschweiz erklärt, was hinter dem Ideal gesunder Bräune steckt.

Strassenarbeiter sanieren die A2. Sie schützen sich, indem sie trinken, Kopf und Nacken bedecken. Bild: Dominik Wunderli

Sonnenschutz sollte zum Alltag gehören, wie Zähneputzen. Darauf zielt Petra Zangerl ab, Präventionsverantwortliche der Krebsliga Ostschweiz. Sie will ein neues Bewusstsein schaffen, denn: «Nur wenige Tage im Jahr erfordern keinen Sonnenschutz.»

Ende Juli steht das Toggenburg vor einer erneuten Hitzewelle, die mit hohen UV-Werten heranrollt. Der wichtigste Risikofaktor für Hautkrebs sind ultraviolette Strahlen. Umso wichtiger ist es, das grösste Organ des Menschen zu schützen – die Haut. Denn die merkt sich jeden Sonnenbrand, den man vor 40 Jahren in den Strandferien oder kürzlich beim Heuen erlitt. Hautkrebs sei tückisch, sagt Zangerl, weil man die Folgen fehlenden Sonnenschutzes erst viel später spüre: «Hautkrebs ist eine schlummernde Gefahr.» Diese Zeitung geht den zehn wichtigsten Sonnenschutz-Fragen in einem Q&A nach.

1.Ist die Schweiz ein Hautkrebs-Hotspot?

Ja. Die Schweiz gehört weltweit zu den Ländern mit den meisten Fällen von schwarzem Hautkrebs , auch Melanom genannt, etwa weil die ultraviolette Strahlung in den Bergen hoch ist. Zudem reisen viele Schweizerinnen und Schweizer in Sonnenparadiese. Jedes Jahr erkranken hierzulande 3300 Menschen an schwarzem und 25’000 an weissem Hautkrebs. Petra Zangerl sagt: «Hautkrebs ist die einzige Krebsart, die in der Schweiz zunimmt.»

2.Im Toggenburg ist es oft kühl oder bewölkt – kann die Sonne hier trotzdem gefährlich sein?

Ja. Zangerl warnt vor Trugschlüssen. Denn obwohl Wolken über das Toggenburg ziehen, dringen UV-Strahlen hindurch. MeteoSchweiz misst die UV-Belastung  und führt einen Index von schwach (1-2) bis extrem hoch (11). Eine Stichprobe zeigt: Am vergangenen Freitag lagen die Werte in der Ostschweiz hoch (7) und in den Alpen teilweise sehr hoch bis extrem.

Liegt zusätzlich Schnee, reflektiert der weisse Boden das UV-Licht. Im Winter wirkt sich daher die UV-Belastung fast doppelt so stark aus wie zu schneelosen Zeiten.

Petra Zangerl arbeitet als Präventionsverantwortliche der Krebsliga Ostschweiz. Bild: zvg

3.Wie viel mehr UV-Strahlung trifft Toggenburger Gipfelstürmer?

Pro tausend Höhenmetern nimmt die UV-Belastung um zehn Prozent zu. Beim Ausflug in die Churfirsten gilt daher: Man wandert auf 2200 Metern über Meer – und ist einer 20 Prozent höheren UV-Belastung ausgesetzt gegenüber Meereshöhe.

Hoch oben kommt noch ein Problem hinzu, sagt Petra Zangerl: «Die Baumgrenze liegt bei 1600 bis 1800 Metern.» Fehlen die Bäume, schützen nur noch wenige Felsen. «Dann muss man selbst verschatten», ergänzt sie. Das heisst: Es braucht einen Hut mit breiter Krempe und eine UV-sichere Sonnenbrille. Hinter dunklen Gläsern weiten sich die Pupillen. Filtert die Brille keine UV-Strahlung, kann dadurch mehr davon ins Auge gelangen und es schädigen.

4.Schatten gilt als bester Sonnenschutz. Kann man sich beim Wandern im Toggenburg trotz Schatten verbrennen?

Ja. Baumschatten schützt gut, aber nicht komplett. Der Boden reflektiert UV-Strahlung, auch unter dichten Blätterdächern. Laubbäume schirmen UV-Licht besser ab als der dünne Stoff über Café-Tischen. In Dorfzentren werfen Betonplatten und Kopfsteinpflaster das UV-Licht stärker zurück als dunkler Waldboden. Daher gilt: Sonnencreme auf der Haut und ein Plätzchen unter’m Laubbaum – eine gute Wahl.

5.Wen gefährdet die Sonne am stärksten?

Besonders betroffen sind Kinder, weil die natürlichen Eigenschutzmechanismen ihrer Haut noch nicht vollständig entwickelt sind. Auch Vorerkrankte, deren Immunsystem schwächelt, bedroht die Sonne. Und: Je heller die Haut, desto sensibler reagiert sie auf UV-Strahlen. Doch auch dunkle Haut kann Schaden nehmen.

«Eigenschutz», erklärt Zangerl, markiere die Phase, in der die Haut der Sonne ausgesetzt sein kann, bevor sie zu röten beginnt. Diese Zeitspanne könne man durch Training nicht verlängern. «Auch Solarien lassen die Haut altern», sagt sie. Die Krebsliga rät von Besuchen ab. Im Solarium erhöht die kurzwellige UVB-Belastung das Krebsrisiko und liegt so hoch wie an einem wolkenlosen Hochsommerhimmel in der Schweiz auf 500 Höhenmetern. Die langwellige UVA-Strahlung kann auf der künstlichen Sonnenbank sogar bis zu 15-mal stärker wirken.

6.Bauarbeiter und Landwirtinnen sind besonders exponiert. Scheitert Sonnenschutz im Arbeitsalltag?

Gelegentlich, ja. Schweizer Arbeitgeber haben die Pflicht, die Mitarbeitenden zu schützen. «Aber wie weit kann man Selbstständige verpflichten?», fragt Zangerl. Noch immer arbeiteten Menschen im Toggenburg auf dem Bau, in ihren Gärten oder auf den Feldern, ohne sich zu bedecken, warnt die Präventionsverantwortliche.

Dieser Eisenleger arbeitet oben ohne in Gossau.
Bild: Urs Jaudas

Ausserdem dominiere in der Schweiz noch immer das Ideal der «gesunden Sonnenbräune». Zangerl sagt: «So etwas gibt es nicht.» Eine Haut, die sich bräunt, wehrt sich.  Pigmentzellen bilden den Farbstoff Melanin, der die Haut bräunt und vor UV-Strahlen schützen soll. Doch diese Bräune weist bereits auf Zellschäden hin. Häufen sich UV-Belastung und Sonnenbrände, könnte das Erbgut Schaden nehmen und das Krebsrisiko steigt.

In puncto Sonnenschutz dienen Länder wie China oder Japan als Vorbilder. Dort herrscht das Schönheitsideal der Blässe – leider auch, um den sozialen Status hervorzuheben. Zangerl sagt: «In der Schweiz müssten wir diese Schönheitsideale wieder stärker hochholen.»

7.Viele tragen morgens Sonnencreme auf und fühlen sich für den ganzen Tag geschützt: Was ist daran falsch?

«Es gibt einen Abrieb», sagt die Präventionsverantwortliche Zangerl. Entweder spült das Wasser der Badi die Creme von der Haut. Oder man schwitze den wasserfesten Schutzfilm fort. Daher gilt: Wir müssen uns nach ein bis zwei Stunden neu eincremen. Dennoch bleiben manche Hautbereiche oft ungeschützt. Dafür äussert die Expertin Verständnis: «Es ist unheimlich schwierig, sich gut einzucremen.»

8.Welche Körperstellen vergessen wir oft beim Sonnenschutz?

Zangerl nennt diese Stellen die «Sonnenterrassen der Haut». Dazu zählen Nase, Ohren, Nacken, Fussrücken und unbedeckte Glatzen, besonders von Männern. Velofahrerinnen, Velofahrer und Wandersleute spüren es: Eine einfache Dächlikappe lässt den Nacken entblösst. Zudem sollte man Lippen und Augen vor UV-Strahlung schützen.

9.Sonnencreme steht wegen Hormonen, Nanopartikeln oder Krebsrisiken in der Kritik. Ist da was dran?

Nach heutigem Wissensstand gibt es keinen Beleg dafür, dass zugelassene Sonnencremes Krebs verursachen. Einzelne Inhaltsstoffe werden zwar untersucht, doch der Nutzen des Sonnenschutzes überwiegt mögliche Risiken deutlich. Sonnencreme sei zu verpönt, moniert Zangerl. Und verweist auf Studien, die entwarnen : Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen marktüblichen Sonnencremes und Gesundheitsschäden ist nicht belegt. Weigere sich trotzdem jemand, sich einzucremen, müsse er oder sie sich «komplett einkleiden» – oder die UV-Spitzenzeiten gegen Mittag meiden. Das empfiehlt die Krebsliga ohnehin.

10.Wann ist ein neuer Hautfleck harmlos – und wann sollte man ihn unbedingt ärztlich abklären lassen?

Grundsätzlich empfiehlt Zangerl: Lieber einmal zu viel als zu wenig zur Hautärztin gehen. Das Krebsrisiko steigt über 50, doch auch Jüngere können Hautkrebs bekommen. In der Schweiz gibt es keine systematischen Programme, um Hautkrebs früh zu erkennen. Daher kommt es auf das eigene Bewusstsein an.

Zwar fehlen klare Regeln, wie man verdächtiges Pigment erkennen kann. Die ABCD-Regel orientiert  jedoch: Wenn man merkt, der Hautfleck auf dem Bein bleibt seit Jahren in Grösse, Dicke und Farbe gleich, geht wohl keine Gefahr aus. Verändert sich der Pigmentfleck, kann er einen Tumor anzeigen. Die Mehrheit der Melanome entsteht neu und nicht aus bestehenden Muttermalen.


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