Hitzesommer zeichnet Maislabyrinth: Was Böden in Wil und im Toggenburg verraten


Not-Ernte auf Kies, kräftige Kolben auf Lehm und Top-Bestände auf 1000 Metern: Der Extremsommer legt offen, wie unterschiedlich Mais je nach Boden, Saatzeitpunkt und Sorte reagiert. Saatgutexperten erklären, was das Korn über die Landwirtschaft der Zukunft aussagt.

Altstätten 2. September 2026 SG – Toggenburger Saatgutexperte Arnold (Noldi) Alpiger (links) und Kollege Jan Alpiger im Rheintal. Er hat immer wieder solche “Ausseneinsätze” und versucht, Samen krisenresistent zu machen.

Der Sommer zeichnet eine neue Bodenkarte – mit Maiskolben. In der Region Wil hängt mickriger Mais vom braunen Stiel, der Kiesboden ist ausgedörrt. Bauern häckseln ihn notreif. Im Nachbarfeld wachsen Kolben auf Lehm, der das Wasser hält. Auch wächst Mais heute dort, wo die Ernte bis vor 20, 30 Jahren unvorstellbar war: Ackerbau auf 1000 Metern im Obertoggenburg. Das Korn ist in der Region zu einer zentralen Futterkultur aufgestiegen.

Der Toggenburger Noldi Alpiger hat schon viel gesehen. Seit 38 Jahren arbeitet er für Otto Hauenstein Samen (OHS), länger als jeder andere Saatguthändler im Unternehmen. OHS sieht sich als Bindeglied zwischen Schweizer Bauern und internationalen Züchtungsunternehmen. Alpiger sagt: «Der August war verrückt – zur Hitze kam viel zu wenig Regen.» An diesem Septembertag lädt er mit seinem Nachfolger Jann Gabathuler zu einer Art Maisgipfel in Altstätten. Sie erwarten hundert Gäste.

Welche Sorte hält wirklich durch?

An diesem Abend wird Alpiger wohl bilanzieren, welche Maissorte sich bewährt hat. Dabei führt die Spur zum Klima. Den Begriff Klimawandel meidet Alpiger; er spricht lieber vom Wetter, das «wärmer geworden ist». Doch während es vielerorts dörrte, sprossen die Kolben aus Obertoggenburger Äckern: «Wir hocken da in einem Wasserloch. In Nesslau und Ebnat-Kappel gibt es dieses Jahr Top-Mais.»

Ein ausgedörrtes Maisfeld in der Region Wil.Bild: Mark Schoder

Samenhändler Alpiger erhält von Züchterinnen und Züchtern ein Sortenportfolio. «In extremen Jahren wie diesem», sagt er, «sieht man die Sortenunterschiede sehr gut.» Gabathuler beobachtet etwa, dass sich einige sonst erfolgreiche Pioneer-Sorten durch die Dürre mühten. Doch fehlt der eine Schalter für dürreresistenten Mais. Trockentoleranz taugt nicht als universelles Etikett. Spätreife Sorten hätten heuer profitiert. Sie wachsen länger und benötigen viel Wärme, um auszureifen.

Landwirte wählen selten das Maissaatgut, das in einem Jahr viel, im nächsten nichts abwirft. Für sie zählt Verlässlichkeit. Alpiger sagt: «Konstanz. Das ist das Wichtigste.» Dazu gehörten Sorten, die Krankheiten und Stürmen trotzen.

Was die Händler im heissesten Schweizer Sommer seit Messbeginn auf den Feldern sehen, beeinflusst bereits ihre Bestellungen für 2027. Wenn ganz Europa unter Trockenheit leide, beginne unter den Händlern eine regelrechte «Jagd» nach knappem Saatgut.

Das Saatgut ist nur ein Teil des Rätsels

Aus Sicht der Händler misslang die direkte Einsaat in Wiesen. Die Grasnarbe stahl dem jungen Mais das Wasser. Besser lief es, wenn man den Boden kurz offen liess, dann walzte und nachts bearbeitete, um Verdunstung zu vermeiden. So blieb mehr Feuchte im Boden. Wasser konnte aus tieferen Schichten besser zum Saatkorn aufsteigen. Bei 35 Grad kann selbst die Tageszeit mitentscheiden, wie gut der Mais aufläuft. Im Extremsommer wird Mais damit zur Zeigepflanze. An ihm lässt sich ablesen, wie unterschiedlich Ostschweizer Böden mit Wassermangel umgehen.

Sich auf dieser Bodenkarte zu bewegen, gleicht einem Strategiespiel. Landwirte müssten hellsehen können und sowohl auf die richtigen Sorten setzen als auch auf den besten Zeitpunkt der Saat. Das früh gesäte Maiskorn blieb dieses Jahr vom Spätfrost verschont und konnte seine Wurzeln tief in den Boden schlagen, bevor die Dürre einsetzte. Spät eingesetzter Mais litt stärker unter Wasserstress.

Doch die Felder zeigen zugleich, dass selbst die beste Sorte nur ein Teil der Gleichung ist. Entscheidend ist, in welchem Boden sie wächst. «Es gibt solche, die ein extremes Wasserspeichervermögen haben», sagt Alpiger. Auf Lehmböden mit hohem Tonanteil spriesst «Super-Mais».

Vom «kleinen Korn bis zur riesigen Pflanze» braucht Mais neben Wasser auch Nährstoffe. Viele Nährstoffe. Auf Viehbetrieben stammen sie aus Hofdüngern wie Gülle und Mist. «Die Gülle, die immer alle verachten, ist ein extrem wertvoller Dünger», sagt Gabathuler. Kann die Pflanze den Stickstoff nicht aufnehmen, droht er, ausgewaschen zu werden und in Gewässer zu strömen .

Alpiger ergänzt: «Wir merken bei den Kunden draussen, dass sie immer mehr Wert auf fitte Böden legen.» Krisenfester Maisanbau beginnt schon vor dem Saatkorn: beim Boden. «Er ist das Kapital der Bauern.» Schwierige Jahre, sagen die Händler, hätten das Bewusstsein dafür geschärft.

«Gratwanderung»: Was der Mais der Zukunft leisten soll

Christoph Gämperli setzt deshalb nicht auf die eine perfekte Sorte, sondern auf eine möglichst breite genetische Basis. Er ist Geschäftsführer der St.Gallischen Saatzuchtgenossenschaft in Flawil. Die Genossenschaft vermehrt unter anderem Saatmais und arbeitet mit Nischenkulturen. Sie will die genetische Vielfalt bewahren.

Gämperli sagt: «Vieles ist für Landwirte unvorhersehbar. Eines wissen sie aber mit Bestimmtheit: Es wird immer wärmer, Trockenphasen häufen sich, das Wetter wird extremer. Genau deshalb brauchen wir eine möglichst breite genetische Basis und Anbausysteme, die flexibel auf diese Veränderungen reagieren können.»

Flawil – Chia Anbau Christoph Gämperli Landwirtschaftliches Zentrum St. Gallen

«Der weltweite Siegeszug des Maises ist einer Züchtungstechnik zu verdanken», sagt Gämperli. Diese Hybridzüchtung nutzt den «Heterosiseffekt», bei dem man zwei Inzuchtlinien kreuzt. Die erste Nachkommengeneration werfe viel Ertrag ab. Doch lassen sich diese Hybriden vom Landwirt nicht sinnvoll weitervermehren. Die gewünschten Eigenschaften spalten sich in der Folgegeneration wieder auf. Deshalb kauft der Bauer bei Hybridmais in der Regel jedes Jahr neues Saatgut. Das bedeutet für Gämperli allerdings nicht, dass alte Landrassen modernen Hybriden überlegen wären.

Was 2026 richtig war, kann im nächsten Jahr falsch sein. Eine frühe Saat Mitte April half in der Dürre, könnte bei Spätfrost bis Mitte Mai aber noch Schaden nehmen. Eine «Gratwanderung», nennt das Gämperli. Der Mais der Zukunft soll beinahe Widersprüchliches leisten: mehr aushalten und zuverlässig Ertrag bringen, obwohl er mit weniger Wasser, Dünger und Pflanzenschutz auskommen soll. Zugleich braucht die Landwirtschaft eine breite genetische Basis, um auf Wetterextreme reagieren zu können, die heute niemand genau vorhersieht.

Noldi Alpiger kramt einen Katalog hervor. Für ihn liegen zwischen alter Landrasse und modernem Hybrid Welten. Den Ribelmais vergleicht er mit einem Auto aus den 1960er-Jahren. «Hier wird auf breiter Ebene gezüchtet. Ich behaupte: Die Vielfalt nimmt nicht ab, sondern eher zu.» Alpiger spricht dabei über die Zahl kommerziell angebotener Sorten – nicht darüber, wie genetisch verschieden diese tatsächlich sind.

Klima- und Gentechnik-Meilensteine für Schweizer Mais
Wie Hitze, Ernte und Gentechnik die Schweizer Maisdebatte verändern.

2005
  • Gentechfrei-Initiative mit 55,67 Prozent Ja angenommen.

2023
  • Fünftwärmster Sommer.
  • Sehr trockener Juni, besonders auch in der Bodenseeregion.
  • Körnermaisernte national: 8,63 t/ha.

2024
  • Sechstwärmster Sommer.
  • Nasser Juni und Überschwemmungen in der Ostschweiz.
  • Körnermaisernte national: 10,0 t/ha.

2025
  • Sehr warmer Sommer, aber nasser Juli.
  • Gute Maiserträge.
  • Körnermaisernte national: 10,68 t/ha (Schätzung).
  • Parlament verlängert Gentechnik-Moratorium bis 2030.
  • Bundesrat legt Entwurf für ein neues Züchtungstechnologiengesetz vor.

2026
  • Extrem heiss und trocken.
  • April bis Juli nur 54 Prozent des Normalniederschlags schweizweit.
  • Ober- und Untertoggenburg: «grosse Gefahr» wegen Trockenheit.
  • Vorzeitige Maisernte und lokal starke Verluste.
  • EU beschliesst neue Regulierung für neue genomische Techniken.

Ausgewählte Klima-, Ertrags- und Gentechnik-Meilensteine in der Schweiz, 2005–2026.
Quelle: KI-generiert/Mark Schoder

Als Negativbeispiel nennt Alpiger das von Monsanto entwickelte System Roundup Ready. Der Konzern kombiniert gentechnisch veränderten Mais, der trotz Glyphosat wächst, mit dem Herbizid Roundup. Für Alpiger liegt genau darin der falsche Einsatz der Technik: Eine Pflanze werde an ein Herbizid angepasst, statt dessen Bedarf zu senken.

Im Labyrinth gibt es keinen einzelnen Ausgang

Für Alpiger zählt nicht allein die Niederschlagsmenge. Entscheidend ist auch, wann der Regen fällt – und ob das Wasser die Pflanze gerade in jener Entwicklungsphase erreicht, in der sie es benötigt.

Der Extremsommer hat somit keinen Ausgang aus dem Maislabyrinth gezeigt. Er hat vor allem etwas sichtbar gemacht: die kleinräumigen Unterschiede der Böden. Wer durch den Irrgarten hindurchfinden will, muss sie lesen können.


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

EN