Die Temperaturen wirken normal, doch die Extreme verschwinden nur statistisch. Messreihen seit dem 18. Jahrhundert zeigen: Das Klima im Toggenburg und in der Region Wil wandelt sich langsam, aber eindeutig. Ein Wetterbeobachter erklärt, was das bedeutet.

Der März trieb die Knospen aus und verwöhnte Sonnenanbetende in der Ostschweiz. Der April hingegen zeigt sein Vielgesicht. Im Jahresvergleich wirkt das Frühjahr unspektakulär. Auf den ersten Blick.
Vergleicht man jedoch das Tagesmittel mit Werten der letzten dreissig Jahre, zeigt sich: Die Extreme haben sich «weggemittelt». Das heisst: Im Durchschnitt wirkt alles normal, doch verdeckt der Schnitt immer stärkere Ausschläge nach oben und unten. Im März kam es zu Frost und zu Sommertemperaturen von 24 Grad Celsius.
Dieser Kontrast passt zum Frühling. «Das bedeutet aber nicht, dass wir weitermachen können wie bisher», sagt Christoph Frauenfelder. Der Meteorologe aus Leidenschaft lotet seit 61 Jahren die Wolken aus, zählt die Celsiusgrade und misst das Wasser in der Luft. Er führt die Wetterstation Meteotop in Niederuzwil.

Frauenfelder weiss, wie schnell sich Winde drehen, Stürme aufbäumen, Bäche versiegen und Hitzeglocken über Städte legen. Er verortet die Ortschaften in der Region in einer Mulde, die wie ein Kessel wirkt: Im Winter bleibt kalte Luft darin gefangen, im Sommer staut sich die Wärme. Dieses Zusammenspiel verstärkt Extreme und beeinflusst, wie trocken es vor Ort ist.
Auch für diese Mulde kennt der Trend nur eine Richtung: Es wird wärmer, trockener, sonniger. An den Schwendiseen und am Wiler Weier könnte es sich bald anfühlen, wie an der Adria – mit mehr Sommertagen und längeren Trockenphasen.
Der lange Blick der Daten
1964 begann Frauenfelder, eine Messstation aufzubauen. Für den Hygrometer, der die Luftfeuchtigkeit misst, spannte er Haare seiner Mutter auf und befestigte am unteren Ende einen Zeiger. Heute bekommt er die Daten automatisch in Echtzeit auf den Computer. Dort sieht er Kurven, die einem Eishockeystock ähneln: 1980 markiert auf jedem Schaubild den Knick.
Als Bub kritzelte Frauenfelder die ersten Zahlen in ein Notizheft. Heute reichert er seine 60 Jahre alten Messwerte mit denen aus St.Gallen, Aadorf, Bischofszell und Kreuzlingen an. Wetterstationen wie die in Friedrichshafen sammeln seit 1755. Er vergleicht die Messwerte, bereinigt sie und überträgt sie auf lokale Verhältnisse im Toggenburg und in der Region Wil. So lässt sich abschätzen, wie sich das regionale Wetter über 250 Jahre entwickelt hat.
Das besondere Mikroklima wandelt sich
Der Wetterfrosch sieht zwischen Wil und Bischofszell eine Ebene, in der ein bestimmtes Klima dominiert. Im Winter hänge oft ein Kaltluftsee über dieser Ebene. Der Wind bläst über die Köpfe der Menschen in der «stillen Mulde» hinweg. Im Sommer legt sich eine Hitzeglocke über die Ebene und manifestiert das, was Frauenfelder «Trockenblase» nennt: Eine Zone, in der Regen selten ankommt, weil er an den Hügeln der Voralpen hängenbleibt.
Der Boden in der Ebene sei wegen vieler Sonnenstunden zehn bis zwanzig Prozent trockener als in der Umgebung. Dies beeinflusse wiederum die Temperaturen: «Das schaukelt sich gegenseitig hoch.» Frauenfelder beobachtete das besonders im Hitzesommer 2003, als eine trockene Hochdruckwetterlage die Bevölkerung ächzen liess.
Das Überleben mancher Menschen hängt vom Wetter ab. Landwirtinnen und Gärtner, glaubt Frauenfelder, richten sich spontan aus. Steht das Wetterfenster günstig, säen sie aus. Dabei müssten sie immer häufiger von Glück sprechen, da der Trend der Sonnenstunden in die gleiche Richtung zeigt: Mehr Sonne bedeutet mehr Trockenheit. Dennoch betont Frauenfelder, dass sich der Mensch an diesen Wandel anpassen kann und muss.
Frauenfelder will das Bewusstsein schärfen
Frauenfelder ist ein Mensch der Zahlen. Selten bringen ihn Messwerte aus der Ruhe. Etwa als Sturm Lothar 1999 tobte. Damals registrierte er eine Rekordwindgeschwindigkeit von 133 Kilometern pro Stunde. Der Orkan bäumte die Wellen derart auf, dass die Romanshorner Fähre nicht mehr auslaufen konnte. Auch das Bodenseehochwasser im gleichen Jahr und die Seegfrörne 1962 beeindruckten ihn. Extremereignisse wie das Hochwasser 2024 lassen sich zwar nicht direkt zuschreiben, passen aber zum Trend zunehmender Wetterextreme.
Weil Frauenfelder Architektur studierte, nicht Meteorologie, lehnt er die Rolle als mahnender Prophet ab. Auch Metereologen wissen nicht, ob es in sieben Tagen regnet. Doch können sie und Klimaforschende Szenarien entwickeln und Zukünfte aufzeigen. Sie können immer kleinräumigere Vorhersagen treffen und bringen so das Klima näher ans Wetter .
Frauenfelder möchte weder jammern, noch einen Weg in die klimageschützte Zukunft vorgeben. Vielmehr will er mit Daten eine klare Sicht auf Ziele ermöglichen. Trotzdem gibt es Momente, die dem Wetterbeobachter Sorgenfalten ins Gesicht treiben.
Er sitzt am Schreibtisch in seinem Toggenburger Haus und sagt: «So wie wir die Natur vergiften, so geht es nicht weiter.» Der Mensch zerstört seine Lebensgrundlagen und gewöhne sich an neue Normalzustände, «die eigentlich nicht mehr normal sind». Nun räche sich die Bequemlichkeit und der gleichgültige Umgang mit Wasser, Luft und Erde. Ökosysteme geraten aus den Fugen , schreibt der Wetterdienst MeteoSchweiz.
«Für gutes Wetter und fruchtbare Böden brauchen wir intakte Natur», sagt Frauenfelder, Vorreiter müssten für neue Klimagemeinschaften begeistern, Wandel anstossen und Ziele formulieren: «Veränderung beginnt mit Visionen.» Es sei keine Zeit zu verlieren.
Anpassen, statt Alarm zu schlagen
Der Hobbymeteorologe fordert Verantwortung für das eigene Wirken auf der Erde. Für Frauenfelder begann diese Verantwortung früh. «Als kleiner Bub sah ich die Quellwolken über mir und hätte sie am liebsten mit einem Haken an der Stange runtergeholt, wie Watte.» Könnte er Kinder mit dieser Faszination für das Wetter anstecken, er würde es tun.
Vor kurzem las Frauenfelder von den Alpengletschern, die noch in diesem Jahrhundert verschwinden . Irgendwann wird ihr Schmelzwasser für Haushalte, Landwirtschaft und Strom fehlen. «Aber wir sind nicht verloren.», sagt er. Menschen seien raffiniert und könnten der Krise entgegentreten. Dafür gelte: Vorbeugen, statt zurücklehnen.
So müssten etwa Bäuerinnen und Bauern in einem zunehmend mediterranen Klima sparsam bewässern und hitzeresistente Kulturen anbauen. «Diese Anpassung kann positiv sein», sagt Frauenfelder. Ein Beispiel: Die Vegetationsperiode rund um die Messstation in Ebnat-Kappel verlängert sich durch erhöhte Temperaturen.
Doch überwiegen die Risiken. Immer häufiger werden Hagel, Starkregen und Dürren die Ernte vermiesen. In Frauenfelders Zahlen steckt daher eine Warnung. Seine Daten zeigen, wohin die Reise geht. Aber nicht, wie sie enden muss.
