Sie nahmen ihm das Land, doch nicht die Erinnerung – wie ein Exil-Nomade von seiner Heimat träumt


Maulud Kaihel, seine Frau und seine Nichte beten in der Wüstendämmerung.

Seit 50 Jahren lebt Maulud Kaihel im Exil in der Hamada-Wüste, dem Garten des Teufels. Als Jugendlicher entrissen ihm Krieg und Besatzung seine Heimat. Trotzdem hält er die Freiheit der Nomad:innen und die Sehnsucht nach dem Wind seiner Kindheit lebendig. Ein Porträt über einen Mann und seinen Schmerz.

How come, my brother, you don’t remember this, the sweet life full of living? («Tishuash», Badi)

Als die Dunkelheit über der Hamada-Wüste hereinbricht, schiebt Maulud Kaihel die Glut auseinander und legt Brotteig unter den heissen Sand. «So wie früher», sagt er. Früher – das war, bevor eine fremde Armee ihm die Heimat nahm.

«Deine Fragen berühren den weichen Kern meiner Seele», sagt er. Maulud Kaihel lächelt. Seine Nichte Najla übersetzt an diesem Wintertag zwischen Hassaniya-Arabisch und Englisch.

Mitten in der Hamada-Wüste in Südwestalgerien scheucht Kaihels Schäferhund 25 Ziegen zu einem Knäuel zusammen. Am Feuer brennen die Wangen, die Flammenzungen schlängeln in den Nachthimmel.

In der Weite der Wüste stehen die Zelte von Kaihel, die er nach einiger Zeit wieder abbaut und an anderer Stelle wieder aufbaut.

Früher, da zog Kaihel mit seiner Familie und Tausenden anderen Sahrauis durch die Sahara, irgendwo zwischen Mauretanien, Algerien und Marokko. Mit ihren zehn Kamelen und den hundertfünfzig Ziegen folgte seine Familie den Wolken. Bis zum 14. Lebensjahr genoss Kaihel eine Freiheit, die nur die Dürre eintrüben konnte. Doch dann brach Unheil in sein Leben ein. Heute sagt er: «Die Wunden in unseren Herzen werden nie heilen.»

50 Jahre Vertreibung: Die Westsahara gilt als letzte Kolonie Afrikas
1975  marschierte Marokkos Armee in die Westsahara ein. Die Kolonialgeschichte des Landes beginnt jedoch früher. 1884 teilten die europäischen Mächte den afrikanischen Kontinent unter sich auf. Spanien erhielt einen Wüstenstreifen gegenüber den Kanarischen Inseln – die Westsahara. 1973 begann die nationale Befreiungsbewegung der Sahrauis, die Polisario-Front, militärische Infrastruktur zu sabotieren. Ihr Ziel: Die Kolonialmacht aus ihrem Land zu drängen.
Bald darauf hatte Spanien angekündigt, ein Referendum abzuhalten, bei dem die Bewohner der Westsahara über ihren zukünftigen Status entscheiden sollten. Marokkos König Hassan II. nutzte die Schwäche Spaniens und begann am 7. November 1975 mit dem «Grünen Marsch » auf die Westsahara. Seine Armee trieb die Hälfte der sahrauischen Bevölkerung in die Hamada-Wüste. Hunderte starben auf der Flucht.
Beim Madrider Abkommen Ende November 1975 überführte Spanien seine Kolonie de facto in eine marokkanische und mauretanische Verwaltungshoheit. Am 26. Februar 1976 endete die spanische Kolonialherrschaft offiziell – sie währte 91 Jahre lang. Am darauffolgenden Tag wurde ein unabhängiger Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara gegründet. Kürzlich gab der UNO-Sicherheitsrat bekannt, einen Autonomieplan Marokkos  zu unterstützen. Das angekündigte Referendum rückt damit in weite Ferne . Bislang ist unklar, welche Schritte der Autonomieplan  vorsieht.

Nur wenn der Regen ausblieb, drohte Kummer

Einige Jahre vor den Bomben hütete Kaihel zwischen den Dünen die Ziegen, Hitze brütete und er hatte die Orientierung verloren. Ein unverkennbarer Geruch stieg ihm in die Nase: Kilometerweit entfernt kochte eine Person getrocknete Blüten des Afzu-Baums ein. Zuvor hatte sie die Samen im Wasser abgesenkt. Sahrauis keschern die Blüten ab und zerreiben sie zu einem Pulver. Zusammen mit Öl ergibt das einen Mix, Samita, der durch Geschmack und Geruch betört. Der Duft führte Kaihel zurück zu seinen Zelten: «Diesen Geruch mitten in der Wüste werde ich nie vergessen.»

Kaihel bereitet die Glut für das Wüstenbrot vor.

Jeden Morgen weckte ihn sein Vater auf, um gemeinsam zu beten. Die einzige Pflicht, die Kaihel vom Spielen in der Wüste abhielt, waren die täglichen Koranstunden. Damals stand seine Heimat unter spanischer Kolonialherrschaft. Kaihels Familie mied daher die Städte und suchte die Weite der Wüste.

Meist war es der Familienvater, der Kamel und Ziege am besten verstand. Er entschied, wann der nächste Aufbruch bevorsteht. «Wir folgten den Bedürfnissen der Tiere», sagt Kaihel. Wenn alles Grün abgefressen war, packten sie den Ziegenhaarsattel auf die Kamele und verstauten ihre Habseligkeiten in dafür vorgesehene Säckchen. Die stärksten Tiere schulterten hundert Kilogramm Mehl.

Kaihels Lieblingskamel trug den Namen Hamami. Es hatte braunweisse Beine und besass einen gutmütigen Charakter. Die Sahrauis geben ihren Tieren Namen, trainieren ihre Kamele und wissen genau, wer von ihnen verspielt und wer missmutig durch den Sand stapft.

Kamele wiederum merken sich Wege zum Wasser. Ihr Geruch versetzt Sahrauis in die verlorene Heimat. Kaihel jedoch liebte seine Ziegen: Sie boten ihm Milch, die er zusammen mit Datteln, Brot und Kamelfleisch verschlang. Ihr Fell wärmte ihn und schützte sein Zelt. Ihre Gesellschaft vertrieb die Einsamkeit.

Der Sohn der Übersetzerin, Kaihels Grossneffe, spielt mit einem seiner Zicklein.

Nur selten drangen Schreckensnachrichten der Kolonialbesatzung bis zu Kaihel, den nur die Dürren bekümmerten. Sommerhitze zwang die Stämme, sich zu zerstreuen und ihre Zelte nahe der Wasserquellen aufzuschlagen. Wenn der Regen die Wüste ergrünen liess, rückten Familien zusammen, liessen ihre Herden grasen, bildeten Nachbarschaften. Am Feuer vor den Zelten teilten die Sahrauis Essen und Geschichten: «Das war die glücklichste Zeit im Jahr.»

Die Stämme folgten den Wolken, trotzten Stürmen und lasen die Zeit am Sonnenstand ab. Jahre zählten sie nicht, sondern gaben ihnen Namen: «Das Jahr der Sturzflut», «das Jahr im Krieg gegen die Franzosen», «das Jahr der Mondfinsternis», «das regenlose Jahr». 1958 war das «Jahr der Bälle» – dabei waren Bomben gemeint, die französische Flugzeuge auf Sahraui-Stämme warfen, die diese Waffenart noch nicht kannten.

Kaihel trinkt einen Schluck fermentierter Ziegenmilch. Mittlerweile hat sich eine Sternenkuppel über die Köpfe gelegt. Die Dezemberkühle kriecht in die Kleider. Mit dem fertiggebackenen Sandbrot und einer rauchenden Teekanne in den Händen schlappt Kaihel wieder ins Zelt. Dort übersetzt Nichte Najla eine Frage zu Krieg und Flucht. Ihr Onkel antwortet: «Danke. Mir bedeutet es viel, von diesem Unrecht zu erzählen.»

Ein Krieg zündet die Wüste an

Als Kaihel 15 Jahre alt war, fielen die Bomben. Zunächst entbrannte der Krieg 1973 zwischen der spanischen Kolonialmacht und den Sahrauis. 1975 zogen sich die spanischen Truppen in die Städte Dakhla, El Ayoun und Smara zurück und liessen der Gewalt aus dem Norden und Süden freien Lauf.

Kaihel sagt: «Als Spanien entschied, unser Land zu verlassen, ahnten wir bereits: Die Marokkaner werden kommen.» Entsprechende Gerüchte von Sahrauis, die auf südmarokkanischen Märkten arbeiteten, verbreiteten sich in der Wüste wie ein Lauffeuer. Kaihels Familie lebte nahe der marokkanischen Grenze – und damit auf gepackten Kamelen.

Mittags in der Wüste: Kaihel weicht der Hitze aus, indem er ruht und schläft.

Eines Tags hörte Kaihel Schüsse und sah, wie eine nahegelegene Stadt brannte. Nachts brach Kaihels Familie auf gen Süden und erreichte das Flussbett des Sagias. Von dort zogen sie weiter gen Smara. In der Stadt konnten sie nicht bleiben, denn jede Rast barg Gefahr. Sie machten Halt in der Region von Mhairiz, wo sich bereits erste Flüchtlingslager bildeten. Von Mhairiz zogen sie nach Tifaniti. Dort holte sie der Krieg ein.

Kaihel hörte die Propeller des marokkanischen Flugzeugs schon von weitem. Seine Familie überlebte, weil sie sich zuvor dagegen entschied, im Zentrum der Zeltstadt zu übernachten. Kaihel berichtet von Dutzenden Sahrauis, die in dieser Nacht starben. Bei einer erneuten Attacke, holten Kämpfer der sahrauischen Befreiungsbewegung Polisario den Flieger vom Himmel.

Kaihel ist überzeugt, dass die marokkanische Armee damals nicht vertreiben, sondern das Land gewaltsam besetzen wollte. Ein sahrauisches Sprichwort besagt: «Sie lieben das Land nicht wegen unserer schwarzen Augen.» Mittlerweile wissen die Sahrauis: Marokko wollte den Boden, genauer, das Phosphat – ein Düngemittel, nach dem die Welt lechzt.

Heute sagt Kaihel, er werde in Marokko niemals Verbündete sehen können. Dafür sitze der Schmerz zu tief. «Ich musste sehen, wie sie Dutzende Kamele in einer Reihe aufstellten, erschossen und ihre Besitzer entführten.» Diese Brutalität habe ihn nicht überrascht, weil er zuvor den Marschbefehl des marokkanischen Königs vernahm. Der hatte sich an die eigenen Truppen gewandt und gerufen: «Wollen die Sahrauis uns aufhalten, werden wir sie verspeisen!»

Im algerischen Lager leben sie unter der Sandglocke

Zwei Monate dauerte die Flucht von Kaihel. Er hatte Glück, denn seine Familie und die Tiere überlebten. Völlig erschöpft trieben sie Kamele und Ziegen über die algerische Grenze und kamen in den Lagern von Tindouf an. «Wir waren so erleichtert: Endlich waren wir dem Krieg entkommen», sagt er.

An dieser Stelle verschwimmt Kaihels Erinnerung, wie genau sie die ersten Jahre als Flüchtlinge überlebten. Seine Nichte, die in den Lagern aufwuchs, weiss: «Dieser Ort war und ist nicht für uns gedacht. Hier leben Skorpione, keine Menschen.» Die Notlage zwang die Nomad:innen, sesshaft in einem Lager auszuharren, was für viele Sahrauis einer Folter gleichkam.

Seit 50 Jahre hängt eine Sand- und Benzinglocke über ihnen. Die Menschen husten, wenn die alten Landrover durch den Tiefsand fahren und Staub aufwirbeln. Sturzfluten im Winter und Extremhitze im Sommer bedrohen die Lebensgrundlage der 173’000 Sahrauis in den Lagern.

Kaihels Lagerfeuer beleuchtet den Wüstensand.

Kaihel fürchtete, in den Lagern zu ersticken. Er musste seinen Vater pflegen, verlor den Appetit und versank in Schmutzluft und Lautstärke. «Zwei Jahre schlief ich keine Nacht durch, das Lagerleben schwächte mich», sagt er. Dann brach er aus und fuhr für ein paar Tage in ein von den Polisario-Kämpfern befreites Gebiet der Westsahara. «Ich spürte das nahe Meer, schlief ein paar Stunden am Stück, ass Fleisch und Brot. Meine Begleiter rieben sich die Augen, als sie meine Verwandlung sahen.»

Kaihel hofft, zu seinen Lebzeiten noch einmal den Sand seiner Heimat unter den Füssen zu spüren. Manche Sahrauis nennen den Wind, der dort weht, die «Luft der Freiheit». Kaihel sagt: «Ich würde mich niederknien und rufen: Gott ist gross.» Draussen knistert das Feuer. Er schaut in die Dunkelheit. «Der Wind weht in der Westsahara anders», sagt er. Und für einen Moment scheint es, als spüre er die Brise im Gesicht.


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