Wenn es warm wird und Regen fällt, beginnt ihr tödlicher Parkour: Tausende Kröten verlassen den Wald bei Waldstatt und ziehen zu ihrem Laichgewässer, über Strassen und Gleise. Für viele endet die Reise tödlich. Hans Walter Krüsi ist ihr Schutzengel.

Auf der Quartierstrasse hat jemand ein Erdkrötenweibchen überfahren. «Das macht mich schon traurig.» Hans Walter Krüsi hebt Handschuhe und Eimer auf die Ladefläche. Zuvor genoss die Kröte wohl Krüsis wilden Garten und überwinterte unter einem Asthaufen.
Krüsi steigt in die Fahrerkabine und sagt: «Niemand schaut auf den Boden.» Er schon. Er schaut anders auf die Landschaft, nennt das «Froschperspektive».
Auf der Fahrt erzählt er von den Erdkröten. Sie können 30 Jahre alt werden. Zweimal im Jahr wandern sie: vom Winterquartier zum Laichgewässer und zurück. Im Appenzellerland beträgt die Lebenserwartung der Kröten eher zehn Jahre. Strassen zerschneiden ihre Routen. Autos richteten ein «Gemetzel» an: Jeder Tod ist schade.
Sammeln, schützen, retten – mit Köpfchen
Krüsi parkiert seinen Pritschenwagen und stapft los. Die Bedingungen sind gut. Wenn aber die Temperatur in der Nacht zuvor unter fünf Grad sinken oder kein Regen fällt, zieht er nie los. Im vergangenen Jahr wehte stets eine Bise. Der trockene Ostwind bekam den Amphibien schlecht, ihre Zahl sank. Heute hat Krötenretter Krüsi Glück.

Er kniet vor einem Kübel und klaubt die ersten Wechselblüter vom Boden. Die kleineren Männchen kleben huckepack auf den Rücken der Weibchen. Krüsi hat nasses Laub in die Kübel gelegt, unter das die Amphibien schlüpfen. So erhascht sie kein Rotmilan und die Sonne trocknet sie nicht aus.
Doch fürchten die Kröten vor allem einen: den Mensch. 1975 baute er die Herisauerstrasse auf drei Spuren aus. Krüsis Vorgängerin sammelte einst 800 Erdkröten im Frühling – ein Jahr nach dem Ausbau waren es noch 300. Immerhin strich der Kanton vor einem Jahr die Überholspur zugunsten des Velostreifens. Über 100’000 Amphibien sterben jedes Jahr auf Schweizer Strassen.

Nachts brechen die Kröten auf
In der Nacht vor Krüsis Rettungsmission herrschten milde Temperaturen und es regnete. Das lässt den biologischen Wecker der Amphibien klingeln. Sie schütteln das Laub vom Leib und hüpfen die starren Glieder wach. Vom Waldrand wandern sie bis zu drei Kilometer am Tag. Sie wissen genau, wohin sie wollen: zum Weiher, ihrer Geburtsstätte.
Nach einigen Metern abwärts versperrt den Kröten ein Leitwerk den Weg: 2,5 Millimeter dicker, 22 Zentimeter hoher und oben abgebogener Stahl, in die Erde gegraben. Eine Barrikade, die Amphibien weder erklettern noch untergraben können. Immer wieder rennen sie an, probieren es ein paar Zentimeter weiter links oder rechts und plumpsen irgendwann in einen der Kübel. Die sind alle 35 Meter in den Boden eingelassen.

Krüsi kniet neben dem Eimer, trennt Laub von Kröte und packt sie in seinen Kübel. Dort fiepen die Männchen. «Die meckern, wenn ein anderes Männchen sie umklammert und zusätzlich aufhocken will», sagt Krüsi.
Mit Dutzenden anderen Ehrenamtlichen rettet er im Appenzellerland Amphibienleben. Krüsi lebt für das, was er «naturnahe Landschaftspflege» nennt. Als Dreijähriger habe er Insekten untersucht, mit fünf kannte er alle Blumen der Umgebung. Er verschlang Bestimmungsbücher und baute früh Gemüse an.
Krüsi studierte Landwirtschaft, arbeitete in der Entwicklungszusammenarbeit und verschrieb sich anschliessend dem Naturschutz. Er arbeitete für das Ökobüro in Degersheim. Heute, mit 72 Jahren, imkert er, pflanzt Hecken, baut Obst und Gemüse an und engagiert sich im Vogelschutz. Krüsi ist seit sechs Jahren pensioniert. Sein Tun soll Platz schaffen – für Vögel, Insekten und seltene Pflanzen.Dutzende
Auf seiner Patrouille befreit Krüsi das Loch am Kübelboden vom Laub. Dort darf sich kein Regenwasser stauen, sonst ertrinken die Landtiere, die nur zum Laichen ins Wasser gehen. Weniger Glück hatte eine Maus, die in einem der Bodenkübel verhungerte – des einen Leids ist des anderen sichere Passage.

Einige Kröten umgehen das Leitwerk. Sie wandern entlang des Bachs, hüpfen durch den Sägebachtunnel gen Weidenbach. Später im Jahr erliegen viele Grasfrösche, Erdkröten und Feuersalamander der Versuchung, sich auf dem erhitzten Teer zu wärmen, bevor sie zum Znacht jagen gehen.
Froschperspektive einnehmen: Er schaut hin, lernt und bewahrt
Krüsi quert die Strasse. Auch dort schützt nun ein Leitwerk den Weg zurück von Weiher und Wald. Er geht in die Knie und zeigt auf das hohe Gras, das Kröten die Sicht versperrt. Sie sind Opportunisten und wählen die scheinbar einfachere, abschüssige Route. Die führt aber nicht ans Ufer, sondern auf die Strasse und in den Tod.
Kurzerhand liess Krüsi die Steine im Bachbett umschichten. Kröten können jetzt die Rampen erklimmen. Ein paar Meter weiter fallen sie in die Kübel. Auch heute winden sich dort ein paar Kröten und der erste Grasfrosch.
Wer die Froschperspektive einnimmt, sieht die Landschaft von unten, bodenständig, langsamer. Krüsi sagt: «Viele Kinder können ja nicht schnell genug sein. Sie rennen in die Schule, fahren Velo oder Trottinette.» Selten sieht er Menschen, die verträumt durchs Leben gehen «und die kleinen Sachen beobachten».

An einer seltenen Eibe am Gleis klettert Krüsi über den Zaun, prüft den Gleisabschnitt und holt einen Schlüssel aus dem Versteck. Auf dem Gleis habe Krüsi vor vier Jahren tote Kröten gesehen. Die Amphibien kamen aus dem Wald und trockneten an der Schiene aus oder wurden überfahren. In einer Nacht sammelte er 300 lebende Tiere ein. Das durfte kein Dauerzustand bleiben – Krüsi rief die Appenzeller Bahn an.
Eine Passage, die Händchen und Köpfchen verlangt
Bahnmitarbeitende schaufelten an vier Stellen den Schotter unterm Gleis weg und stabilisierten es mit Kupferblech. «Ohne ein grosses Leitwerk oder Tunnel zu bauen, haben wir eine Lösung gefunden, die nichts kostet – mit Köpfchen», sagt er, lächelt und tippt sich auf die Schläfe. Eine Nachtsichtkamera zeigte bald: Hunderte Kröten nutzen die Durchgänge.

Der Krötenretter öffnet das Tor und tritt ans Weiherufer. Er neigt den Kübel, zählt die Tiere und schubst sie ins Wasser. «Sie fürchten das offene Wasser», sagt er. Karpfen, Rotauge und Hecht patrouillieren dort. Doch zwischen dem Schilf und entlang der Weiden sind die Amphibien, ihre Laichschnüre und -ballen sicher.
Anderswo sieht es anders aus. Krüsi befürchtet ein «Gemetzel» vergangene Nacht auf der Strasse von Hundwil nach Appenzell. «Im hohen Gras können sie keine Insekten jagen, da haben sie Grashalme vor den Augen.» Kommt der Sommerregen, geniessen sie auf der Strasse für kurze Zeit Wärme und freie Sicht. Offen bleibt, ob tatsächlich Hunderte Amphibien starben.

Neben Dutzenden Erdkröten hat sich auch ein Grasfrosch in Krüsis Kübel verirrt. Als er ihn entlässt, sagt Krüsi: «Ich hoffe, der findet noch einen Laichpartner im Weiher.»
Krüsi sehnt sich nach einer unverbauten Landschaft und Ersatzlebensräumen. Auch wenn alle erwachsenen Kröten und Frösche zu ihrem Geburtsgewässer zurückkehren, gibt es einzelne Tiere, die ausscheren. Sie suchen nach neuen Gewässern.

Die Kröte aus seinem Garten konnte er nicht retten. Doch an diesem Tag erreichen 77 andere den Weiher. Im Herbst werden sie wieder aufbrechen und am Waldrand Insekten jagen.
