Sedimentproben aus dem Seealpsee erzählen von Mikroplastik, Reifenabrieb und Überdüngung. Doch was heisst «schlechte biologische Qualität» – und warum folgen keine Taten? Der Blick in die Tiefe eines Alpensees, der für viele Schweizer Gewässer steht.

Mikroplastik treibt im Marianengraben , Reifenabrieb fegt über die Arktis. Unberührte, menschenleere Wildnis gibt es nicht mehr. Auch nicht im Alpstein. Das zeigen Sedimentproben aus dem Seealpsee.
Dabei wandert man unter Säntis und Altmann abseits von Strassen und Verkehr. Doch der Seealpsee weist eine «schlechte biologische Qualität » auf. Das macht Kleinlebewesen zu schaffen, und gefährdet die Basis der Nahrungskette. Taucher entnahmen dem Seegrund Sedimentproben, in denen Forscherinnen Spuren von Mikroplastik und Reifenabrieb fanden.
Die Messdaten zeigen, wie weit der menschliche Einfluss im Appenzellerland reicht und mit welchen Problemen Würmer und andere Kleinlebewesen im Seealpsee kämpfen. Dennoch sticht der See nicht heraus: Die Ergebnisse seien nicht alarmierend, sagt Heike Summer, Leiterin des Umweltamts Appenzell Innerrhoden. Aber «der Seealpsee liegt im traurigen Durchschnitt».
In Zahlen: Forscher schätzen, dass 23’000 Mikroplastik-Partikel in einem Kilogramm Trockensediment stecken. Zum Vergleich: In Tiefsee-Sedimenten finden Forschende 200 Partikel, in Schweizer Ackerböden Spitzenwerte von 118’416 Partikel pro Kilogramm.
Sedimentproben kosten – und werfen Fragen auf
Die Momentaufnahme vom Seealpsee soll Datenlücken zu Schweizer Seen schliessen, sagt Summer. Doch ihr fehlt der Vergleich: Wie gesund war der Seealpsee vor zehn Jahren? Wohin entwickelt sich die Artenvielfalt im See? Summers Team weiss es nicht, weil sie erstmals Sedimentproben untersuchen liessen. Im laufenden und kommenden Jahr planen sie keine weiteren Tests. Der Kanton muss sparen. Summer sagt: «Vielleicht in fünf Jahren. Mal schauen, wie die Politik entscheidet.»
Ohne die «Tauchfreunde Rheintal» wäre die Probenentnahme unmöglich gewesen. Freiwillig glitten sie 2024 in den kalten Seealpsee und tauchten durch die Dunkelheit: In 15 Metern Tiefe sahen sie nicht weit. Am Grund nahmen sie Proben – eine Aufgabe, die einen Tag dauerte. Gerade weil Sedimentproben so aufwendig sind, fehlen in der Schweiz flächendeckende Daten.
Die Momentaufnahme aus dem Seealpsee gibt nicht preis, woher das Mikroplastik stammt. Um den See gibt es Berggasthäuser, die ausserhalb der Alpsaison laut Summer wenig bewirtschaftet sind. Zwar gebe es einen Weg hinauf, den jedoch nur wenige Gasthausbetreibenden mit dem Auto befahren. Der Reifennachweis habe Summers Team daher überrascht. Sie sagt: «Der meiste Reifenabrieb kommt wohl über die Luft.»

Die Probenanalyse deckt sich mit einer Masterarbeit aus dem Jahr 2024, die als häufigsten Abfall am Ufer des Seealpsees Lebensmittel- und Getränkeverpackungen sowie Zigaretten feststellte. Dieser Müll könnte Quelle des Mikroplastiks im Sediment sein. Ob jemand den Müll achtlos wegwarf, ein Fuchs das Plastik aus dem Abfallbehälter riss oder der Wind den Kunststoff verwehte, bleibt ungewiss.
Neben dem Mikroplastikproblem weisen die Sedimentproben auf einen Nährstoffüberschuss im See hin. Summer bewertet den Einfluss des wenigen Viehs als gering, die im Rahmen einer «ganz normalen Alpbestossung» am Seealpsee weiden. «Wir können nicht sagen, woher die Überdüngung kommt, ob menschlich oder natürlich verursacht.» Stickstoffe können auch durch Vogelkot oder Laubfall entstehen.
Amtsleiterin Summer sagt: «Man kann keine Käseglocke über den Seealpsee stülpen.» Weil der See überdüngt ist, leidet die Artenzusammensetzung – «sie ist ärmer als in vergleichbaren Seen», sagt Summer. Das bedeutet: Larven entwickeln sich schlechter, Lebewesen im Seealpsee sind schneller gestresst und sterben häufiger als in vergleichbaren Seen.
Umweltbehörden liebäugeln mit Grenzwerten – und fürchten sie
Auf die ökologischen Probleme folgen jedoch keine Massnahmen. Schweiz und EU kennen bei Sedimenten keine Grenzwerte – im Gegensatz zur Wasserqualität. Wann Spuren von Mikroplastik ein ökologisches Problem bedeuten, dazu fehlen Zahlen.
Grenzwerte zu schaffen, würde neue Probleme schaffen. «Einerseits hätten wir dann einen Hebel», sagt Summer. Andererseits: Liegen sie so niedrig, dass sie Landwirtschaft ausschliessen, «dann lähmen sie uns.»
Summer bleibt nur das Mittel des Appells an die Gäste am Seealpsee. Sie sollen im Kleinen «bewusster und nachhaltiger» entscheiden und «sorgsam mit der Natur umgehen». Im Grossen könnte ein globales Plastikverbot helfen. «Aber», sagt Summer, «davon sind wir noch weit entfernt».
Ökotoxikologin: «Das Ergebnis hat mich enttäuscht»
Rébecca Beauvais vom Oekotoxzentrum in Lausanne hat die Seealpsee-Proben analysiert. Im Zentrum forschen sie seit Jahren zu Reifenabrieb, der in der Schweiz 90 Prozent des Mikroplastiks ausmacht. Die Daten aus dem Alpstein haben Beauvais’ Team wenig überrascht. Zudem versuche sie, Ergebnisse vorsichtig zu analysieren und nicht alarmistisch zu klingen.
In einem Labortest starben 98 Prozent beziehungsweise 67 Prozent der eingesetzten Kleinkrebse, nachdem sie sechs Tage lang dem Seealpsee-Sediment ausgesetzt waren. Das Oekotoxzentrum bezeichnet die Ergebnisse als «recht auffällig».
Allerdings habe Beauvais nur einen Index untersucht, indem sie sich auf die Wurmgemeinschaften im Seealpsee fokussierte. «Global können wir nicht von einer schlechten Qualität des Sees sprechen.» Neue Einblicke wären möglich, könnte Beauvais’ Team andernorts im Seealpsee Proben nehmen und Arten wie Fische oder Insektenlarven analysieren. Doch wie gesagt: Dem Kanton fehlt dafür Geld.
Beauvais vermutet Mikroplastik auch in anderen Seen der Region wie dem Fählensee oder dem Schwendisee im Toggenburg. «Aber wir haben keine Daten von anderen Seen in der Ostschweiz.»
