Vom Weltcup-Ort zum Dorf ohne Skilift: Was Ebnat-Kappel mit dem «Tanzboden» verliert


Einst gewann Olympiasieger Heini Hemmi am Girlenhang ein Weltcuprennen, nun verschwindet Ebnat-Kappels letzter Skilift. Die Tage mit genügend Schnee wurden seltener, der Streit um die 40-Zentimeter-Regel blieb. Was das Ende des Skilifts Tanzboden für das Dorf bedeutet.

So weiss wie hier am Berggasthaus Girlen oberhalb von Ebnat-Kappel wird’s selten. Im Hintergrund: Der 1999 zurückgebaute Skilift.Bild: ETH-Bildarchiv Zürich

Der Skilift Tanzboden schliesst. Zu selten lag genügend Schnee, zu schnell schmolz er wieder. Damit endet ein Kapitel Wintersportgeschichte in Ebnat-Kappel.

Mit dem Schnee schwanden die Betriebstage. Vergangenen Winter lief der Tanzbodenlift an 10 Tagen. 14 Autokilometer weiter, auf der Wolzenalp, waren es 70, in Krinau 33. Denn nicht nur die Temperaturen entscheiden über die Zukunft eines Skilifts, sondern auch Höhenlage, Exposition, Geschäftsmodell und Nutzungsrechte.

2011 gründete sich eine Genossenschaft, um Ebnat-Kappels letzten Skilift zu retten. Die Reserven sollten für «drei aufeinanderfolgende, katastrophale Winter» reichen, wie es im Newsletter heisst. Anfangs kam der Lift auf über 50 Betriebstage, später noch auf 40. In den letzten vier Wintern waren es 12, 5, 5 und 10. Jetzt seien sämtliche liquide Mittel aufgebraucht.

Vom Weltcup bleibt nur die Erinnerung

Im Juni suchte die Genossenschaft noch nach Ideen, Geld und neuen Partnerschaften. Alternativen seien nicht eingegangen. Deshalb werde der Skilift geschlossen. «Das schmerzt natürlich sehr», sagt Patrick Zollinger, Präsident des Verkehrsvereins Ebnat-Kappel.

1972 rückte der «Skizirkus» an : Beim Girlen-Riesenslalom starteten 96 Fahrer aus sieben Ländern vor 5500 Zuschauern – obwohl bereits damals schneefreie Hügelkuppen neben der Piste hervorstachen. Fünf Jahre später gewann Olympiasieger Heini Hemmi vor seinem Bruder Christian.

Es tue weh, kein alpines Skiangebot mehr zu haben. «Jetzt wird die Gemeinde von der Wintersportkarte verschwinden.» Doch für Zollinger obsiegt die Vernunft: «Die Gemeinde liegt auf etwa 600 Höhenmetern und damit ausserhalb der schneesicheren Zone.»

Gemeindepräsident Jon Fadri Huder wollte sich vor Redaktionsschluss nicht weiter äussern. Der Gemeinderat werde sich diese Woche mit dem Thema befassen.

Unklar, ob die 40-Zentimeter-Regel zum Aus beitrug

Zum Schneemangel kam ein jahrelanger Konflikt mit den Grundeigentümern . Die Piste durfte erst ab 40 Zentimetern Schnee maschinell präpariert werden. Die Eigentümer begründeten dies mit dem Schutz des Bodens. Gleiches galt für Schneelanzen. Auch Gemeindepräsident Huder gelang es nicht, die Landbesitzer zum Umdenken zu bewegen.

Die Planungsunsicherheit schränkte den Spielraum der Genossenschaft ein. Ohne die Regel hätte man die Piste an mehr Tagen öffnen können, so der Verwaltungsrat der Genossenschaft. Er widerspricht jedoch dem Eindruck, der Konflikt habe zum Aus beigetragen. Die 40-Zentimeter-Regel habe keine Rolle gespielt, der Klimawandel den Ausschlag gegeben. «In den letzten Jahren gab es nie mehr als 20 Zentimeter Schnee. Ohne Schnee kann man keine Piste präparieren.» Nun prüft der Verwaltungsrat, den Ponylift etwa fürs Schlitteln weiter zu nutzen – «als Erinnerungsstück».

Was nach dem Skilift kommen könnte

Als Tourismusverantwortlicher von Ebnat-Kappel überrascht Zollinger das Ende des Skilifts nicht: «Das Damoklesschwert schwebte schon lange über Ebnat-Kappel.» Der Skitourismus sei hier stets schwächer gewesen als weiter talaufwärts.

Zollinger sieht im Ende auch eine Chance: «Das Toggenburg lebt ohnehin nicht vom Übertourismus, sondern von Leuten, die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen.» Schneeschuhläufer, Tourenskifahrerinnen und Langläufer könnten künftig stärker in den Fokus rücken.

Der Lift-lose Hausberg Ebnat-Kappels zeigt, wohin es gehen könnte. Der Speer locke bereits diejenigen an, die mehr wollen, als den Ausblick und die rasante Tour ins Tal. Auch Ferienwohnungen seien gut ausgelastet, sagt Zollinger. Viele Gäste nutzten Ebnat-Kappel als bezahlbares Basiscamp für Ausflüge in der Region: «Die Leute sind sehr mobil.» Chancen sieht Zollinger im Individual-Schneesport. In Tourenskifahrten und Schneeschuhtouren «liegt die Zukunft». Sorgen bereitet ihm dagegen die Lage der Gruppenunterkünfte beim Lift.

Bruno Preisig vom SC Schaffhausen unterhält eine Hütte beim Tanzbodenlift. Weil auf den Lift schon länger wenig Verlass war, setzte der Verein vermehrt aufs Schneeschuhwandern. «Es ist schade: Unsere Kinder haben alle da oben das Skifahren gelernt.» Auf Gäste sei die Hütte angewiesen, vom Lift wirtschaftlich abhängig aber nicht.

Patrick Zollinger räumt ein: «Ich kann jetzt nicht mehr mit Stolz von einer Wintersportdestination sprechen.» Besuchende können in Ebnat-Kappel weder eislaufen noch ein Hallenbad oder Kinderhotel finden. Für die Skiclubs sei der Verlust weniger einschneidend. Der Nachwuchs fahre heute ohnehin zum Training in andere Gebiete. Klubrennen in Ebnat-Kappel seien wegen Schneemangels zuletzt häufig ausgefallen.

Janic Holenstein, Chef Alpin vom SC Speer, bestätigt das: «Die, die alpin erfolgreich sein wollen, müssen heutzutage diese Wege auf sich nehmen.» Für Allrounder, die keine Rennen fahren, breche hingegen etwas weg, wenn der Skilift vor der Haustür schliesst. Holenstein sagt: «Früher konnten wir in Ebnat-Kappel Nachttrainings machen. In den vergangenen Jahren war das kein Thema.»

Wenn der Erstkontakt zu Schnee und Ski verloren geht

Zollinger wünscht sich deshalb ein gemeinsames Projekt der Ebnat-Kappler Skiclubs: «Sie könnten sich im Tal zusammentun und einen kleinen Schlepplift oder einen Zauberteppich aufstellen.» In Gähwil realisierte man 2018 ein solches Projekt, was jedoch «finanzielle Zauberkünste» erforderte, wie diese Zeitung schrieb.

Entscheidend sei, Kindern den Erstkontakt mit Schnee und Ski zu ermöglichen, sagt Zollinger – möglichst im eigenen Dorf. Dafür fehlt Ebnat-Kappel künftig der Skilift.

Doch die Vereine kämpfen bereits darum, das Bestehende zu erhalten. In der Ostschweiz kämpfen sie und Lift-Betreiber mit der Schneearmut, etwa in Urnäsch, Hemberg oder Heiden. «Wir investieren viel, um das Loipenwesen zu stemmen», sagt Holenstein vom SC Speer. Zusätzlich Zauberteppiche und Schneelanzen zu finanzieren, sei schwierig. Sein Blick geht deshalb talaufwärts: «Das, was wir noch um uns haben, müssen wir bewahren und vorantreiben.»


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