
Mehr als 80 tote Forellen im Gaiser Rotbach – für den WWF Appenzell ist der Fall ein Symptom. Geschäftsführerin Mila Yong fordert strengere Strafen und eine Prävention, die wirkt. Das Amt für Umwelt spricht von konsequentem Vollzug.
Im Oktober 2025 trieben mehr als 80 Forellen tot im Gaiser Rotbach. Jemand hatte dort seinen Swimmingpool entleert. Über die Kanalisation strömten acht Kubikmeter Chlorwasser in den Bach. Der Pikettdienst des Umweltamts Ausserrhoden rückte «zeitnah» an, wie es in seiner Schadensbilanz 2025 heisst, kam aber zu spät, um das Fischsterben zu verhindern.
Amtsleiter Valentin Lanz schreibt zum Fall in Gais: «Während wir Menschen im chlorhaltigen Wasser baden können, sind für Fische und deren Nährtiere geringste Chlor-Konzentrationen tödlich.» Chlor im Pool dürfe «unter keinen Umständen » in einen Regenwasserschacht oder in ein Gewässer gelangen.
Lanz nennt drei Hauptursachen: Unwissen, technische Defekte und Fahrlässigkeit – etwa wenn Laien für sie neue Aufgaben erledigen. Er lobt die Bevölkerung, die generell weiss, wie wichtig Gewässerschutz ist. Selten verschmutze jemand Wasser bewusst, sagt der Amtsleiter. Zudem kontrolliere das Umweltamt Industriebranchen und vollziehe «erfolgreich».
Lanz bilanziert: «Die Langzeitentwicklung stimmt uns insgesamt zuversichtlich.» Nicht alle teilen diesen Optimismus.
WWF-Geschäftsführerin: «Das Bewusstsein fehlt»
«‹Fahrlässig› ist keine Erklärung, sondern ein Symptom», sagt Mila Yong, Geschäftsführerin vom Weltweiten Fonds für die Natur (WWF) Appenzell. Wenn Menschen regelmässig Gewässer verschmutzen, zeige das: Gewässerschutz ist im Alltag nicht verankert. Yong widerspricht Amtsleiter Lanz: «Es fehlt an Bewusstsein und konsequenter Prävention.»
Das Gewässerschutzgesetz sieht Bussen bis zu 20’000 Franken vor. Die Höchstbusse droht, wenn jemand mit Absicht Gewässer verschmutzt oder sie gefährdet und Anweisungen missachtet. Dazu gehört, Schadstoffe oder Abfälle ins Wasser einzubringen oder falsch damit umzugehen.
«Die Strafverfolgungsbehörde schöpft das bei weitem nicht aus», sagt Yong. Welche Strafen oder Bussen die Staatsanwaltschaft verhängt, zeigt die Pikettstatistik nicht. Yong fordert, Gewässervergehen «deutlich härter» zu sanktionieren. «Weder Prävention noch Abschreckung greifen genug», kritisiert sie. Yong führt dies auf entweder Sanktionen zurück, die entweder «zahnlos» seien oder gänzlich fehlen.
Sie geht von einer hohen Dunkelziffer bei Schadensfällen aus. Amtsleiter Lanz bestätigt: Weil viele Vorfälle ungemeldet bleiben, müsse das Dunkelfeld deutlich grösser sein als bekannt. Die Zahlen zeigen, dass Fälle von Luft- und Bodenverschmutzung sowie illegales Abfallentsorgen im Vergleich zum Jahr 2024 zugenommen haben. Aus Sicht des Umweltamts lässt sich aus der Pikettstatistik kein Trend herauslesen. Für Yong steht fest: «Von einer klaren Trendwende beim Gewässerschutz kann keine Rede sein.»
Umweltamtsleiter wehrt sich gegen Vorwurf, tatenlos zu bleiben
Valentin Lanz sagt: «Gewässerverschmutzungen werden vom Amt für Umwelt konsequent zur Anzeige gebracht.» Egal ob Vorsatz oder Fahrlässigkeit vorliege: Sein Amt verrechne stets Einsatzkosten und Ertragsverluste, etwa von Fischereivereinen.
Bei ihren Einsätzen berät der Schadensdienst die Feuerwehr, hegt Schadensfolgen ein, entsorgt den Aushub und berät Polizei und Staatsanwaltschaft mit fachlicher Expertise.
Gerade wenn menschliche Fehler und unerwartete technische Störungen zusammenfallen, fordert das den Pikettdienst – wenn Pumpen ausfallen, Starkregen die Kanalisation überlaufen lässt und Geräte falsch bedient werden. Prävention bedeutet dann, Abläufe zu optimieren, Standards zu prüfen, Anlagen zu warten und Störungen rasch zu melden.
Je schneller die Meldung, desto kleiner der Schaden
«Zeit ist der kritische Faktor», sagt Lanz, das habe die aktuelle Schadensbilanz gelehrt. Erkennt der Pikettdienst das Ereignis, weil schnell gemeldet wurde, kann er es lokal begrenzen und ein Fischsterben verhindern.
Um auch junge Menschen zu sensibilisieren, werde auch das Umweltamt «vermehrt über Social Media» kommunizieren, sagt Lanz. Weiterhin setze sein Team auf die Zusammenarbeit mit Multiplikatoren, etwa Fischereivereinen, Bauernverbänden, Architekturbüros, Baufirmen und Schulen. Lanz will so die Bevölkerung aktiv einbeziehen und schulen, Umweltrisiken zu erkennen.
Das Umweltamt sieht positive Effekte bei seiner «Daueraufgabe» Gewässerschutz. Ein Beispiel: Verschmutzungen, weil Anwohnende Erdwärmesonden bohren liessen, hätten stark abgenommen.
Mit der Klimakrise nimmt der Druck zu
Ein weltweiter Trend übersteigt alles: die Klimakrise. Dadurch und weil Gewässer immer mehr genutzt werden, «stehen sie immer stärker unter Druck», sagt WWF Appenzell-Geschäftsführerin Yong. Der Klimawandel verzeihe keine Fehler, «weil viele Ökosysteme bereits am Limit sind».
Wassertemperaturen steigen und neue Arten wandern ein. Valentin Lanz sagt: «Prävention und Schutz vor Verschmutzungen werden also in Zukunft noch wichtiger.» Das Amt für Umwelt hat ein Frühwarnsystem für Schädlinge eingerichtet. Bei Schadstoffen setze die Schweiz auf technisches Rüstzeug.
Je wärmer die Gewässer werden, desto kleiner wird die Fehlertoleranz – zumindest darin sind sich WWF und Amt für Umwelt einig.
